I, Tonya USA 2017 – 119min.

I, Tonya

Filmkritik

Gedemütigt, grossmäulig, grandios: Die Eishexe Tonya Harding

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Als Tonya Harding (Margot Robbie), die einst beste Eiskunstläuferin der Welt, auf ihren zukünftigen Mann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) trifft, hilft dieser ihr bei der lange herbeigesehnten Trennung von ihrer tyrannischen Mutter (Allison Janney) und sorgt für fragwürdige Connections im Sportgeschäft.

Am 6. Januar 1994 wird die schillernde Welt des Eiskunstlaufs kurz vor den Olympischen Winterspielen mit einer brutalen Attacke auf die US-amerikanische Medaillenhoffnung Nancy Kerrigan erschüttert. Die Nachricht schockiert Sportbegeisterte rund um den Globus. Das Schlimmste dabei: Erzrivalin Tonya Harding, die der Weltöffentlichkeit nach diesem Vorfall nur noch als «Eishexe» bekannt ist, soll – wie könnte es anders sein – etwas mit dem Anschlag zu tun haben. In «I, Tonya» wird der grosse Olympia-Skandal, der sich Mitte der 90er-Jahre tatsächlich ereignet hat, erneut aufgerollt.

Das Biopic geht auf Tonya Hardings von Gewalt geprägte Kindheit ein, zeigt sie als ehrgeizigen und auch begabten Knirps auf Kufen, als Teenager, der seine erste Liebe findet und präsentiert sie im Hauptteil des Films schliesslich als talentierte, aber auch als passioniert fluchende Eiskunstläuferin, die sich einerseits mit ihrer tyrannischen Mutter herumschlägt und sich andererseits in ihrer verrückten On-off-Beziehung zahlreiche verrückte Kämpfe mit ihrem cholerischen Freund und späteren Ehemann liefern musste. Wen Eiskunstlauf nicht begeistert, der sei entwarnt: Zwar spielt dieser Sport in der Komödie verständlicherweise eine wichtige Rolle, doch der Hauptfokus liegt auf dem Geschehen abseits der Eisfläche: Auf Tonyas Leben, dem skandalösen Vorfall und dessen Folgen für sie.

Dass die wahre Tonya Harding in den schrecklichen Vorfall verwickelt war, kann heute niemand mehr abstreiten. Wie gross ihre Schuld ist (Harding gab zumindest zu, am Rande vom geplanten Angriff auf Kerrigan Wind bekommen zu haben), wird zur eigentlichen Frage. Doch ebendiese Frage ist es, die im Film im Angesicht des hervorragenden Casts zur grossen Nebensächlichkeit wird: Obwohl Relativierungen und neue Puzzleteile im Fall der Eisenstangen-Attacke von 1994 ans Licht kommen, besteht das wahre Spektakel von I, Tonya darin, wie überzeugend Margot Robbie die Titelheldin spielt. In ihrer Rolle nimmt sie kein Blatt vor den Mund und gibt sich auch sonst nicht so lady-like, wie es die Punktrichter gerne sehen würden. Bemerkenswert dabei ist, dass auch Allison Janneys Darstellung der schroffen, verschraubten und von Erfolg besessenen Mutter sowie Sebastian Stans Interpretation von Tonyas impulsiven Mann Robbies Leistung in nichts nachstehen und das Biopic allein deswegen schon sehenswert ist.

Der schwarze und vor allem durch reichlich ausgedehnte Fluchtiraden unterstrichene Humor im Film ist ein zweischneidiges Schwert und mag nicht jedermanns Sache sein. Zudem hat der Film in der zweiten Hälfte leider seine Längen, doch der gut ausgewählte und catchy Soundtrack, die perfekt durchchoreografierten und durch aussergewöhnliche Kameraeinstellungen eingefangenen Eisszenen sowie ein grossartiger Cast lassen diese schnell in Vergessenheit geraten und sorgen für ein kurzweiliges Kinovergnügen.

22.02.2018

4

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

dulik

vor 8 Monaten

Ein bitterböses Biopic über die Eiskunstläuferin Tonya Harding, glänzend gespielt von Margot Robbie. Aber auch die Nebendarsteller vermögen es, zu überzeugen: Allison Janney, welche die überforderte Mutter spielt, wurde zu Recht mit dem Oscar für die beste Nebendarstellerin prämiert. Der Film bietet einen tollen Einblick in die Person fernab der Eisfläche und den aussergewöhnlichen Verlauf ihrer Karriere, sowie dem dramatischen Ende davon. Gespickt ist die Handlung mit viel derbem Humor.
8/10Mehr anzeigen


Barbarum

vor einem Jahr

Wer kann sich nicht mehr an diesen Eiskunstlauf-Skandal erinnern, als kurz vor der Olympiade in Lillehammer mutwillig Nancy Kerrigan das Knie verletzt wurde und die Spur danach ins Umfeld ihrer Konkurrentin Tonya Harding führte? Das Biopic "I, Tonya" schafft es nun, durch einen zum Teil absurd komischen, hin und wieder kaum zu glaubenden, aber alleweil schonungslosen Blick hinter die Fassade, die Tragödie Hardings auf eigene Art in einen Triumph zu verwandeln. Was im Besonderen den grossartig aufspielenden Darstellern zu verdanken ist, allen voran Margot Robbie in der Titelrolle.Mehr anzeigen


Deg89

vor einem Jahr Exzellent

Eine klassische Underdog-Story, die zeigt wie man sich Liebe mit Show erarbeiten muss. Die innerlich zerrissene Tonya kämpft auf dem Eis nicht nur um den Sieg, sondern auch gegen die Tyrannei ihrer Familie. Die häusliche Gewalt wird mit schwarzem Humor gewürzt. Somit wirken die Figuren erschütternd, aber gleichzeitig menschlich. Der Krimiplot wird spannend in Szene gesetzt, vermischt sich aber nicht ganz so gut mit der Gesamthandlung. Dadurch verliert der Film etwas den Fokus auf die interessante Hauptfigur, die aber in jedem Moment sensationell agiert.Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor einem Jahr


Mehr Filmkritiken

Jumanji: The Next Level

Die Eiskönigin II

Last Christmas

Hors Normes