Moonlight USA 2016 – 111min.

Moonlight

Filmkritik

Die Schmerzen des Erwachsenwerdens

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Bevor er im vergangenen Herbst bei den Festivals in Telluride und Toronto plötzlich große Wellen zu schlagen begann, hatte niemand Moonlight auf dem Schirm. Wie auch, schließlich waren seit dem ersten Film von Regisseur Barry Jenkins acht Jahre vergangen – und jenseits der US-Independent-Szene hatte schon damals kaum jemand Medicine For Melancholy wahrgenommen. Ganz zu schweigen davon, dass eine für gerade einmal 5 Millionen Dollar entstandene Produktion über einen schwulen Afroamerikaner in Hollywood noch selten für großes Aufsehen gesorgt hat. Doch manchmal kommt es eben anders, als man denkt – und so darf Moonlight nach 25 Millionen Dollar Einspielergebnis allein in den USA, zahllosen Filmpreisen (darunter dem Golden Globe) und drei gewonnenen Oscars als DIE Kino-Überraschung des letzten Jahres gelten.

Der Film erzählt die Geschichte seines Protagonisten Chiron unterteilt in drei Kapitel. Als kleiner Junge (gespielt von Alex Hibbert) findet er Zuneigung eher beim örtlichen Drogenboss (Mahershala Ali, gerade auch in Hidden Figures zu sehen) und dessen Frau (Janelle Monáe) als zuhause bei seiner Crack-süchtigen Mutter (Naomie Harris, Spectre), die ihn schon mal als "Schwuchtel" beschimpft. In der Pubertät (nun verkörpert von Ashton Sanders) wird er noch immer von seinen Mitschülern drangsaliert, erlebt allerdings auch mit seinem Jugendfreund Kevin eine körperliche Intimität, die in seinem Leben sonst fehlt. Jahre später jedoch ist Chiron (Trevante Rhodes) noch immer nicht bei sich selbst angekommen, sondern selbst auf kriminellen Abwegen unterwegs. Seine mühsam antrainierten Muskeln trägt er wie einen Panzer vor sich her, unter dem er nicht nur seine Homosexualität, sondern überhaupt sämtliche Gefühle versteckt. Bis sich eines Tages aus heiterem Himmel Kevin (André Holland) wieder bei ihm meldet.

Viel Plot ist es nicht, den Jenkins – ausgehend von Tarell Alvin McCarthys autobiografisch geprägtem Theaterstück "In Moonlight Black Boys Look Blue" und unterstützt von Dede Gardner und Brad Pitt als Produzenten – in seinem Film auffährt. Moonlight ist viel mehr eine hochkonzentrierte Charakterstudie und als solche eine kleine, bescheidene und angenehm unaufgeregte. Umso größer allerdings ist die emotionale Wucht, die Jenkins aus der Konzentration auf seinen Protagonisten und dessen unmittelbares Umfeld im Armenviertel von Miami entwickelt. Fernab von Coming-of-Age-Klischees oder der Dramaturgie herkömmlicher Coming-Out-Geschichten zeigt Moonlight die Schmerzen des Erwachsenwerdens und das mühsame Finden einer männlichen, schwarzen und schwulen Identität.

Dass es Jenkins bei aller schweren Melancholie seiner Geschichte gelingt, seinen Film von einer erstaunlichen Leichtigkeit und Frische durchwehen zu lassen, zeichnet Moonlight ebenso als Meisterwerk aus wie die unvergleichliche Zärtlichkeit und Wahrhaftigkeit, mit der er erzählt. Sein durch die Bank exzellentes Ensemble tut ein Übriges, genau wie die wunderbaren Bilder von Kameramann James Laxton (Camp X-Ray) und der stimmig komponierte Soundtrack von Nicholas Britell (The Big Short).

14.03.2017

5

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Kommentare

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dulik

vor einem Jahr

Ein sehr berührendes Drama, welches aus einem kleinen Budget sehr viel herausgeholt hat. Ob der Oscar für den besten Film 2017 gerechtfertigt ist, darüber lässt sich streiten. "Moonlight" hat zwar durchaus seine starken Momente, doch einer der Gründe für die 3 Oscars dürfte wohl auch die Tatsache gewesen sein, dass die Geschichte um einen dunkelhäutigen Schwulen handelt. Sowohl emotional, wie auch filmtechnisch gab es im vergangenen Jahr nämlich zahlreiche Filme, die deutlich besser waren. Trotzem: Ohne Frage ein sehr gutes und absolut empfehlehnswertes Drama!
8/10Mehr anzeigen


Deg89

vor einem Jahr

Ein sehr seichtes Episodendrama mit einer formelhaften Erzählweise. Hin und wieder kommen gefühlsvolle Momente und hübsche Momentaufnahmen zum Vorschein. Ansonsten wird die Handlung von einer eintönigen Hauptfigur getragen, inklusive dazugehörigen simplen Dialogen und einem bedeutungsarmen finalen Akt.Mehr anzeigen


hyper80

vor 2 Jahren

Endlich kam ich dazu mir diesen Film anzuschauen. Einen Film über den im Vorfeld so viel Positives berichtet wurde und mit überraschender Wendung den Oscar erhalten hat. Nun, im Grossen und Ganzen stimme ich bei vielen Punkten zu. Die Schauspieler sind überzeugend. Die Bilder und die Musik absolut spitze. Und trotzdem hat mich der Film zu keinem Zeitpunkt so richtig fesseln können. Dies liegt aus meiner Sicht unter Anderem daran, dass die Geschichte im Grunde genommen nichts Neues ist. Kind wächst im Ghetto auf bei Drogenabhängiger Mutter und wird kriminell. Das Thema Homosexualität hat sich für mich irgendwie nach 'Mittel zum Zweck' angefühlt um doch irgendwie etwas Neues zu kreieren. Doch die Story hatte für mich zu wenig Inhalt und blieb doch irgendwie an der Oberflächlichkeit hängen. Schade, weil aus diesem Stoff hätte man irgendwie mehr machen können.Mehr anzeigen


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