Diego Maradona Grossbritannien 2019 – 120min.

Filmkritik

Einmal Gott und zurück

Urs Arnold
Filmkritik: Urs Arnold

Vielleicht war er der grösste Fussballer aller Zeiten. Ganz sicher aber war – und ist – Diego Armando Maradona eine der schillerndsten Personen, die der Sport je hervorgebracht hat. Asif Kapadia (Senna, Amy) vervollständigt mit dem Porträt des Fussballgottes seine Doku-Trilogie.

Wer anlässlich der WM 2018 Diego Maradonas bizarren Tribünenauftritt sah, der hat den Wahnsinn eines Mannes erlebt, der einmal ein Genie war. Maradona als Spieler, das war ein Dribbler vor dem Herrn, eine Nummer 10 von technischer Beschlagenheit und hoher Spielintelligenz. 1986 schoss der quirlige Linksfuss Argentinien fast alleine zum Weltmeistertitel. Im Viertelfinal gegen England erzielte er ein Tor mit der “Hand Gottes”, das zweite nach einem atemlosen Alleingang über das halbe Spielfeld. Wahnsinn und Genie, komprimiert in einem Spiel.

Der Dokumentarfilm Diego Maradona führt über zwei Stunden Laufzeit vor Augen, dass im Leben des Sportidols selten etwas mittelmässig war. Aufgewachsen in bitterarmen Verhältnissen, wechselte er 1984 nicht zu den grossen italienischen Clubs wie Juventus Turin oder AC Mailand, sondern zum SSC Neapel, damals der mediokre Underdog aus dem Mezzogiorno. Drei Jahre später wurde Maradonas Neapel Meister und der Kapitän seinerseits Meister der wilden Partys, später gewann er den UEFA-Cup und bezog Koks von der Camorra. Nach dem WM-Titel wurde er Vater eines Kindes, dessen Vaterschaft er nicht anerkannte. Auch zur damaligen Zeit stellte dies keinen typischen Lebenswandel eines Fussballers dar.

Von all diesen Triumphen und tiefen Fällen zeugt Diego Maradona, ein dokumentarisches Destillat an körnigen und vergilbten Film-, Bild- und Tonaufnahmen, das aus 500 Stunden Material gewonnen wurde. Dieses wurde hervorragend montiert und mit wohldosierten Off-Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen verwoben – darunter Maradona selbst. Bemerkenswert ist hier nicht nur, wie präzise Regisseur Asif Kapadia seinen Film taktet, sondern wie er das Star-Faszinosum und gleichzeitig den Menschen dahinter in seinen Nuancen herausarbeitet.

Dieses Talent stellte Kapadia bereits in seinen Dokus über den Autorennfahrer Ayrton Senna (Senna) und die Sängerin Amy Winehouse (Amy) zur Schau. Maradona ist Senna als geradezu religiös gehuldigtes Sportidol so nahe wie Winehouse als das gesegnete, aber bald der Unschuld beraubte Grosstalent. Zwar lebt Maradona immer noch, doch lässt Kapadia seine Doku letztendlich in einen Ausklang münden, der einem Requiem gleichkommt. Denn das Stück Erde, auf dem die Probleme des Lebens für 90 Minuten inexistent sind, hat der einstige Messias Maradona längst verlassen.

26.08.2019

4.5

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Kommentare

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Maratonna

vor 5 Monaten

Nun habe ich ihn endlich auch noch sehen können. Meine Jugend war geprägt von Maradona und ich war ein grosser Fan. Glücklicherweise durfte ich ihn auch live im Stadion spielen sehen - leider aber viel zu selten.
Der Film war daher sehr bewegend und eindrücklich. Auch wenn nichts Neues herauskam, so erlebte man doch eine Nähe wie nie zuvor. Allerdings hätte ich mir schon etwas besseres Bildmaterial von seiner sportlichen Seite gewünscht. Ok, man wollte sich offensichtlich auf den privaten Menschen fixieren - aber trotzdem, ein bisschen mehr Mühe hätte man sich mit den sportlichen Bildern geben dürfen. Zum Beispiel unter "Extras" hätte man doch seine schönsten 50 Tore oder so zeigen können - einfach als Hommage. So bleibt ein bisschen ein trauriger oder schaler Geschmack übrig. Und alle, die ihn nie als Spieler erlebten, dürften mit dem Film wohl kaum was anfangen können.Mehr anzeigen


cinerat

vor 8 Monaten

Toller Film. Kann man auch als nicht bekennender Fussballfan anschauen. Ein Film über Emotionen und Testosteron. Das echte Leben ist eben aufregender als jeder Roman. Enttäuscht war ich von den Neapolitanern, die ihren Gott am Ende hängenlassen.


tobi8424

vor 8 Monaten

Beelendend authentisch, zeitweise fast unerträgliche Nähe. Eindrückliche Dokumentation.


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