Das Mädchen Wadjda Deutschland 2012 – 98min.

Das Mädchen Wadjda

Filmkritik

In die Freiheit radeln

Filmkritik: Andrea Wildt

In dem ersten saudi-arabischen Kinofilm dient der Wunsch eines Mädchens nach einem eigenen Fahrrad als Parabel für die Sehnsucht nach mehr Freiheit der Frauen des islamischen Königreichs. Ein Film über schier unüberwindliche Abhängigkeiten und über Hoffnung auf palmengesäumten Asphaltstrassen.

Die zehnjährige Wadjda (Waad Mohammed) wünscht sich nichts sehnlicher als ein Fahrrad. Allerdings ist es im islamisch-konservativen Saudi-Arabien Frauen jeden Alters verboten, Zwei- oder Mehrräder zu lenken. Es gilt als anstössig. Das hält Wadjda jedoch nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen. Als in der Schule für den Koran-Zitier-Wettbewerb ein hohes Preisgeld geboten wird, glaubt Wadjda ihre Strategie für den Fahrraderwerb gefunden zu haben.

Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour nutzt diese schlichte Grundstory über die Träume eines jungen Menschen als Ausgangspunkt, um in Wadjda komplexe Probleme der Frauen in ihrem Land zu verhandeln. Dabei geht sie äusserst feinfühlig vor. Sie zeigt den Alltag ihrer jungen Heldin an wiederkehrenden Plätzen: der Mädchenschule, dem Haus der Eltern und die Fusswege dazwischen durch staubige Baustellen. Zu Hause lebt Wadjda zusammen mit ihrer Mutter (Rem Abdullah) und dem sporadisch vorbeikommenden Vater. Ihr Alltag besteht neben der Schule und den täglichen Predigten aus vertraulichen Kochsessions mit ihrer Mutter, bei denen sie zusammen singen. Das junge Mädchen interessiert sich noch wenig fürs andere Geschlecht, doch alltäglich sind bereits die Zwänge zu hören: Verbirg dein Haar, dein Gesicht, versteck dich vor den Blicken der Männer hinter schwarzem Tuch.

Demzufolge sehen wir die Mädchen, aber auch die Männer, die ihre Körper fast komplett mit identischer Kleidung verdeckt haben. Die Blicke der Kamera versuchen mit kleinen Details wie den Sneakers der Protagonistin, den durch den Wind sichtbar gemachten Jeans unter ihrer Abaya, den Armbändern ihrer Kameradinnen, den heimlichen Bemalungen der Fussknöchel kleine Rebellionen gegen diese rigorose Kleiderordnung zu entdecken, die den Figuren eine Persönlichkeit geben. Das Zeigen der Haare oder das Lackieren der Fussnägel wird in Wadjda zu einem politischen Akt.

Mit ihren direkten und feinen Verweisen gelingt es Haifaa Al Mansour konkret die Abhängigkeiten von Frauen in Saudi-Arabien erfahrbar zu machen. Die Verbote legen sich wie ein feinmaschiges Netz um die Geschichte und der Eindruck ihrer Unüberwindlichkeit verbreitet sich wie der Duft des süssen Schwarztees über den Film. Der Traum von Wadjda mit ihrem Freund gen Horizont zu radeln, nimmt plötzlich die Dimension des Unmöglichen an. Um so berührender wirkt sodann die Einfachheit, mit der sich ein eigensinniges Mädchens anhand eines simplen Fahrrad emanzipiert, in einem Land, das seinen Reichtum dem Petroleum verdankt.

05.03.2014

5

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Kommentare

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fiftygirl55

vor 6 Jahren

traurig und doch spannend, was ein Mädchen in diesem Land erreichen kann


bidli

vor 6 Jahren

Der Film bietet uns einen Blick in eine Kultur an, die uns doch sehr fremd ist. Wer diese Chance nutzen will, soll ihn sich unbedingt anschauen.


weinberg10

vor 6 Jahren

Dieser ruhige, feinfühlige arabische Frauenfilm hat mich sehr berührt. Ich bin der Regisseurin dankbar, dass ich diesen Einblick in diese für mich fremde Welt geniessen konnte. Ich war völlig fasziniert von diesem Thema. Hat für mich eine 5 verdient.


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