No Time to Die Grossbritannien, USA 2020 – 163min.

Filmkritik

Zwiespältige Abschiedsvorstellung

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Was vor sechs Jahren nach «Spectre» schon möglich schien, wird nun zur Gewissheit: Daniel Craig gibt zum letzten Mal den Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten. «No Time to Die» hat seine Momente. Insgesamt hätte man dem Briten aber eine etwas stärkere Abschiedstour gewünscht.

Hört Craig auf? Macht er weiter? Diese Fragen beschäftigen viele Bond-Fans nach dem bereits 2015 veröffentlichten 24. Beitrag der langlebigen Leinwandreihe, zumal der Hauptdarsteller selbst in Interviews den Eindruck erweckte, nach vier Spionageeinsätzen dienstmüde zu sein. Das Ende von «Spectre» bot die Möglichkeit für einen Abgang. Craig liess sich dann aber doch noch für ein weiteres Kapitel engagieren.

Neugierig macht «No Time to Die» schon in den Anfangsminuten, die uns in ein Home-Invasion-Szenario versetzen. Ein skurril maskierter Killer, der ebenso gut aus einem Slasher-Streifen stammen könnte, auch wenn er statt eines Messers eine Schusswaffe benutzt, will sich hier an dem skrupellosen Terroristen Mr. White rächen, trifft in dessen Haus allerdings nur seine verwahrloste Ehefrau und seine kleine Tochter Madeleine an. Erstere wird kaltblütig ermordet, Letztere hingegen darf nach der Flucht über einen vereisten See und dem Einbrechen ins Wasser am Leben bleiben.

Das Ganze entpuppt sich als Erinnerung der inzwischen erwachsenen Madeleine Swann (Léa Seydoux), die nach der Verhaftung Ernst Stavro Blofelds (Christoph Waltz) mit dem frischgebackenen Ruheständler Bond in Italien weilt. Die frostig-unbehagliche Stimmung des Einstiegs weicht einer in goldenes Licht getauchten, romantisch-verkitschten Urlaubsatmosphäre, die sich vor einer atemberaubend zerklüfteten Küstenlandschaft abspielt. In einem verwinkelten, wie aus der Zeit gefallenen Städtchen wird der Ex-Agent jedoch von seiner Vergangenheit eingeholt und zweifelt plötzlich an den Absichten seiner neuen Liebe. Eine packend arrangierte Verfolgungsjagd später kommt es zur Trennung, bei der Bond den harten, unberührten Kerl mimen darf, während Madeleine das Klischee der aufgelösten Frau erfüllt.

Die eigentliche Handlung setzt schliesslich fünf Jahre später ein. Nach der Entführung des Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik) und der Entwendung eines hochgefährlichen Viruskampfstoffes ist der britische Auslandsgeheimdienst MI6 in heller Aufregung. Der mittlerweile zurückgezogen auf Jamaika lebende Bond erhält in eben dieser Angelegenheit Besuch von seinem alten CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright), der ein letztes Mal auf James‘ Hilfe zurückgreifen will. Nach kurzem Zögern sagt der frühere Doppel-Null-Agent seine Unterstützung zu und muss sich daraufhin mit der Terrororganisation «Spectre», seinem eingesperrten Erzfeind Blofeld und dem von Rache getriebenen Lyutsifer Safin (Rami Malek) stellen.

Wie man es von einem Bond-Streifen erwarten darf, trumpft «No Time to Die» mit aufregenden Schauplätzen, einigen starken visuellen Einfällen und hochtourig-wahnwitzigen Actioneinlagen auf. Dass der im Blockbuster-Kino bislang unerfahrene Cary Joji FukunagaBeasts of No Nation») Spektakel zu choreografieren versteht, beweist schon die halsbrecherische, mit irren Stunts gespickte Hatz durch die italienische Bergortschaft zu Beginn, die es durchaus mit der in «Spectre» stattfindenden wilden Sause durch die Strassen Roms aufnehmen kann.

Spannenden Passagen stehen allerdings Schwächen in der Charakterzeichnung und der Handlungsführung gegenüber. Nicht so recht entscheiden kann sich der Film, ob er den weiblichen Figuren an der Seite Bonds etwas mehr Spielraum zugestehen will. Madeleine soll eine starke, selbstständige Frau sein, fällt nach der Italienepisode aber erst einmal für eine ganze Weile aus der Geschichte heraus und darf später die meiste Zeit nur ihre grosse Liebe für den Ex-Spion bekräftigen. Hier und da schalten die in aufreizender Garderobe inszenierte CIA-Kraft Paloma (Ana de Armas) und die neue 007-Agentin Nomi (Lashana Lynch) in den Kampfmodus. Das aus dem alten Bond-Kosmos stammende Etikett «Schmückendes Beiwerk» werden jedoch auch diese beiden nicht richtig los. Weniger einprägsam als im Vorgänger ist zudem der zentrale Antagonist, dem selbst ein versierter Mime wie Oscar-Preisträger Rami Malek nicht ausreichend Profil verleihen kann. Ins Auge springt dieser Makel besonders dann, wenn man noch einmal merkt, mit welchem Charisma Christoph Waltz Blofeld bei einem Treffen mit Bond versieht.

Im manchmal etwas beliebig wirkenden Drehbuch, das zumindest eine grössere Überraschung bereithält, mag reichlich emotionale Sprengkraft liegen. Auf die Leinwand transportieren Fukunaga und seine Mitautoren diese allerdings nur bedingt. Grosse melodramatische Gesten, wie sie gegen Ende beschworen werden, taugen nicht per se dazu, das Publikum ernsthaft aufzuwühlen und mitleiden zu lassen. Zweifelsohne bekommt Craig seine Abschiedsmomente geschenkt. In seiner Wucht fällt «No Time to Die» aber deutlich hinter dem ehrlich erschütternden «Skyfall» zurück. Zum Scheitern zu viel, zum Glänzen zu wenig – so kann man den 25. Bond-Film wohl am besten zusammenfassen.

11.11.2021

3

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Kommentare

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walter-Oliver

vor 9 Tagen

Ein feministischer Eklat !
Der schlechteste Film. Schwarze Frauen damits politisch passt und zu allem Überfluss noch ein Kind damit die Mutter-Tochter Problematik dem amerikanischen Family friendly Anspruch gerecht wird.
Der Technologie Sektor leidet an Realitätsverlust dass es zum Davonlaufen istMehr anzeigen


nic_megert

vor 20 Tagen

Traurig was aus Bond geworden ist. Der Film hätte auch locker 1 Stunde kürzer sein können. Und das Ende war hoffentlich für Bond endgültig.


julia_koewitzsch

vor 21 Tagen

Der beste Film!!. Ich gehe nochmals ins Kino um den zu schauen. Echt empfehlenswert


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