Green Book - Eine besondere Freundschaft USA 2018 – 130min.

Green Book - Eine besondere Freundschaft

Filmkritik

Genüssliche Fahrt ins Farbenblinde

Filmkritik: Walter Rohrbach

Green Book stellt die Lichter auf Grün für eine Freundschaft über soziale Grenzen hinweg und stellt Fragen über Identität und Rassismus. Das Roadmovie ist eine tragisch-komische Fahrt, welche die Grenze zum Kitsch geschickt umfährt oder allenfalls nur leichte Kratzer auf der Kitschautohaube hinterlässt und dabei grossen Spass macht.

New York City 1962, ein Samstagabend im Nachtclub Copacabana, wo sich die Mafiabosse mitsamt ihrer Belegschaft die Klinke in die Hand geben, um sich zu amüsieren. Für allzu ausschweifende Handlungen ist Tony Lip zuständig, ein italienisch-amerikanischer Türsteher, der bei der Ordnungswiederherstellung nicht gerade zimperlich vorgeht, sondern eher auf die Kraft schlagender Argumente setzt. Nachdem der Nachtclub für einige Zeit geschlossen wird, muss er sich um eine andere Beschäftigung bemühen. Dabei wird er vom Jazz-Pianisten Don Shirley als Fahrer für eine Konzert-Tournee in die Südstaaten der USA angeheuert. Nichts Ungewöhnliches, mag man denken. Allerdings hat Don afrikanische Wurzeln, gilt zu dieser Ära als Mensch zweiter Klasse und gibt dieser Geschichte damit die ungewöhnliche Konstellation: Ein weisser Chauffeur, der einen Afroamerikaner mitten ins Herz der Staaten der Rassentrennung steuert – eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Interessant ist auch die Konstellation der am Film beteiligten Akteure. Tony Lip wird gespielt von Viggo Mortensen, der durch seine Rolle als Aragorn bei Herr der Ringe grosse Bekanntheit erlangte. Grossartig, wie anmutig er nun in dieser Rolle – mit einem ins Adipöse reichenden BMI-Wert und einem reichlich zur Dehnung gebrachten weissen Unterhemd – genüsslich im Bett eine Pizza verzehrt. Auch für die Verkörperung von Don Shirley gibt es ein bekanntes Gesicht zu sehen. Mahershala Ali erhielt für den Film Moonlight den Oscar als bester Nebendarsteller und spielte in «House of Cards» den eloquenten Lobbyisten Remy Danton. Dann ist da noch der Regisseur Peter John Farrelly, seines Zeichens auch kein Unbekannter. Zusammen mit seinem Bruder hat er bei einer Vielzahl erfolgreicher Komödien, beispielsweise Dumm und Dümmer oder Verrückt nach Marry, Regie geführt. Diesmal hat er jedoch den Alleingang gewählt und zeigt, dass er auch subtilere Genres beherrscht.

Denn Green Book ist mehr als eine Komödie. Ja, es ist gelungenes Wohlfühlkino, aber insgesamt ist es feinfühliger als der Vorschlaghammerhumor früherer Farrelly Filme. Zwar werden Culture-Clash-Klischees bedient, diese sind in der Konstellation aber spiegelverkehrt und werden weder plump noch einseitig ausgeschlachtet: einerseits Tony Lip, der kleinkriminell-affine Türsteher aus der Bronx mit humanitären Zügen, andererseits der gebildete und feinfühlige Pianist in der Identitätsfindung in einer vom Alltagsrassismus geprägten Gesellschaft. Es macht Spass, den beiden herausragenden Schauspielern zuzuschauen. Es gelingt ihnen, auf glaubwürdige Art und Weise aufzuzeigen, dass Menschen – wenn sie sich erst näher kennenlernen – farbenblind werden. Grünes Licht und freie Fahrt also für das Roadmovie Green Book, es ist ein grosses Filmvergnügen.

20.12.2018

5

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Kommentare

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anjulie

vor 8 Stunden

Ein toller Film, der von Anfang bis Schluss spannend ist und ohne viele Klischees auskommt


isa76

vor 2 Tagen

Ein genialer Film, starke Schauspieler, toller Soundtrack und wunderschöne Landschaften.
Trotz vieler Lacher geht der Film sehr nahe, man wird sicher noch lange darüber nachdenken resp. sprechen...
Nach “Bohemian Rapsody” der nächste Top Film. Es wird eng an den Oscars 😉


8martin

vor 3 Tagen

Der Titel bezieht sich auf ein kleines Buch (Negro Motorist Green Book) in dem Hotels und Restaurants verzeichnet sind, in denen Farbige absteigen können bzw. bedient werden. Wir sind in den 60er Jahren, als der farbige Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali ) und sein Chauffeur Tony Lip (Viggo Mortensen) durch die Südstaaten der USA auf Konzerttournee sind. Zwei Typen wie sie unterschiedlicher nicht sein können – nicht nur wegen der Hautfarbe. Tony war Türsteher, ist italienischer Abstammung, verheiratet mit Dolores (Linda Cardellini) und Vater von zwei Söhnen. Sein hervorstechendstes Merkmal ist, dass er ein Proll ist, wie er im Buche steht. Er frisst wie ein Schwein und Probleme löst er mit einem Faustschlag. Seine Ansichten kann man durchaus in der Nähe von Rassismus ansiedeln. Dr. Shirley hingegen ist ein Intellektueller, ein distinguierter Musiker mit guten Manieren und äußerst sensibel. Er hat homosexuelle Neigungen, ein Außenstehender am Rande der Gesellschaft. Allein schon durch Sprache und Wortwahl liegen Welten zwischen ihnen.
Was den beiden auf ihrem Road Movie alles passiert wird unterhaltsam erzählt. Durch denkwürdige Events bezüglich des ortsansässigen Rassismus bekommt der Film Tiefe (z.B. Toiletten nur für Weiße, Verhaftung aus niedrigen Motiven heraus und Schikanen der Polizei und des Personals etc.). Don Shirley diktiert Tony die Briefe an Ehefrau Dolores und das Drehbuch bietet amüsante Varianten von bekannten Zitaten z.B. eins von JFK.
Das interessante ist, dass sich beide gegenseitig beeinflussen und sogar leicht verändern. Tony erkennt die brutale Engstirnigkeit der Südstaatler, weil es gegen seinen Freund Don geht und Shirley variiert sein Konzertprogramm von Klassik zu Jazz. Es ist die Gegend in der Nat King Cole einst fast totgeprügelt wurde. Der Score besteht aus Klassikern von Little Richard, Chubby Checker, Aretha Franklin u.v.a. – also beinahe auch ein Musikfilm mit rassistischen Untertönen auf dem Prüfstand und einem versöhnlichen Ende.Mehr anzeigen


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