Interview

Marie Leuenberger: «Freiheit für die Frau bedeutet eben auch Freiheit für den Mann!»

Adrian Nicca
Interview: Adrian Nicca

Was Sex mit Politik zu tun hat: Regisseurin Petra Volpe und Hauptdarstellerin Marie Leuenberger über Feminismus, Frustration und Frieden.

Marie Leuenberger: «Freiheit für die Frau bedeutet eben auch Freiheit für den Mann!»

Nach Traumland und Heidi bleibt die Schweizer Regisseurin Petra Volpe auch im neusten Werk Die göttliche Ordnung ihrem Fokus treu: Frauen im Kampf um Freiheit. Ihr Film über die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 in der Schweiz hat soeben Platz 1 der Kino-Charts übernommen. Damit steht erstmals seit Heidi im Dezember 2015 wieder ein Schweizer Film an der Spitze der Charts. Er gewann an den Solothurner Filmtagen 2017 bereits den Prix de Soleure.

Ausserdem feiert der Film im April im Wettbewerb des renommierten Tribeca Film Festivals in New York seine internationale Premiere und wurde bereits vorab nach Deutschland, Österreich und China verkauft.

Petra Volpe hat das historische Thema in einen beherzten Spielfilm verpackt – stimmig, engagiert, aber alles andere denn bierernst. Die göttliche Ordnung wird darin nachhaltig erschüttert, Frauen triumphieren – an der Spitze die Schauspielerinnen Marie Leuenberger, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Rachel Braunschweig und Bettina Stucky.

Marie Leuenberger übernimmt die Rolle von Nora, einer jungen Hausfrau und Mutter, die 1971 mit ihrem Mann und ihren Söhnen in einem beschaulichen Schweizer Dorf lebt. Hier ist wenig von den gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung zu spüren. Der Dorf- und Familienfrieden kommt jedoch gehörig ins Wanken, als Nora anfängt, sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen.

Mit Petra Volpe und Marie Leuenberger sprach Adrian Nicca

Petra Volpe und Marie Leuenberger, merci, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt für das Gespräch. Petra, worum geht es in Deinem neusten Film Die göttliche Ordnung?

Petra: Es geht um das Frauenstimmrecht in der Schweiz, das bekanntlich erst sehr spät eingeführt wurde. Eine junge Hausfrau und Mutter kämpft auf dem Land dafür, die gleichen politische Rechte wie ihr Mann und alle Männer in der Schweiz zu erhalten.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, diesen Stoff umzusetzen?

Petra: Mein Produzent sagte mir, man müsste einen Film über das Frauenstimmrecht machen. Ich sah ihn an wie vom Blitz getroffen und dachte: das ist genau mein Thema! Ich nervte mich auch, dass ich als Feministin nicht selbst auf die Idee kam. (lacht)

Gab es wirklich eine Nora in Trogen?

Petra: Es ist alles erfunden, aber es ist alles wahr. (lacht) Noras Name ist von Ibsen entlehnt. In den Film flossen ausserdem viele Geschichten von starken Frauen, von kämpferischen Frauen ein. Der Streik im Film ist vom Lehrerinnen-Streik 1959 in Basel inspiriert, als das Stimmrecht zum ersten Mal abgelehnt wurde.

Was bleibt Euch von diesem Projekt besonders gut in Erinnerung?

Marie: Die Energie, die herrschte. Von allen Seiten gab es ein grosses Bedürfnis, bei diesem Projekt dabei sein zu dürfen. Und die Reaktionen jetzt natürlich, wenn man merkt, dass das Thema aufwühlt, die Menschen berührt und bewegt. Es ist schliesslich ein Stück Schweizer aber auch Weltgeschichte, wir stecken mittendrin und die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Pussy-Grabschen, die Verharmlosung in Russland von häuslicher Gewalt gegen Frauen, EU-Parlamentarier, die sagen, Frauen seien kleiner, schwächer und dümmer als Männer. Es scheint, dass die Errungenschaften der Emanzipation und des Feminismus der vergangenen Jahre in letzter Zeit eher wieder rückgängig gemacht werden. Wie seht Ihr das?

Petra: Man muss gar nicht bis Russland oder Amerika schauen, auch in der Schweiz ist, trotz Gesetz, die Lohngleichheit und Gleichberechtigung noch lange nicht Tatsache. In der Politik wird die Gleichstellung von Frau und Mann einfach nicht als wichtig erachtet und das ist fatal und frustrierend.

Marie: Es geht einfach um Respekt und ein Selbstverständnis, dass Frauen gleichwertig sind. Vielleicht ist das Gute an diesem Backlash, dass sich die Frauen wieder positionieren müssen und es ihnen die Gegner eigentlich leicht machen.

Petra: Die Frauenbewegung wird definitiv neu befeuert, Frauen tragen Pussy-Hats, solidarisieren sich wieder. Die ganze Bewegung ist heute inklusiver und kommt mit frischem Wind daher. Das ist das einzige Positive, das man der gegenwärtigen politischen Entwicklung abgewinnen kann. Ich hoffe sehr, dass die Schweizer Frauen sich zusammenraufen und weiterhin für ihre Rechte kämpfen!

Marie: Ich hoffe, dass jeder und jede, die Die göttliche Ordnung gesehen hat, irgendetwas mit nachhause nimmt, etwas im Alltag verändert und so zu einer friedlicheren Welt beiträgt. Mehr Gleichberechtigung bedeutet eine friedlichere Welt.

Petra: Der Film ist nicht einfach schwarzweiss, Männer gegen Frauen, sondern er versucht zu erzählen, dass Männer genauso in Strukturen gefangen sind und eingeschränkt werden in ihrer Individualität.

Marie: Freiheit für die Frau bedeutet eben auch Freiheit für den Mann!

Nicht nur in ihren Rechten, sondern auch in ihrer Sexualität wurden – respektive werden Frauen unterdrückt. Haben junge Frauen in der Schweiz es heute besser?

Marie: Ich wurde damals in den 90ern folgendermassen aufgeklärt: Männer haben feuchte Träume, einen Samenerguss, empfinden also Lust; Frauen menstruieren und haben den Eisprung, was eher mit Reproduktion, Schmerzen und sicher nichts mit Lust zu tun hat. Man wurde als Mädchen oder Frau degradiert zu etwas, das kompliziert ist und eben nichts mit Lust zu tun hat. Aufklärung 2017 sieht gewiss fortschrittlicher aus und auch bezüglich Verhütung ist man heute an einem anderen Ort. Die Möglichkeit, Sexualität als Frau frei auszuleben, ist zumindest da.

Petra: Junge Frauen beschäftigen sich heutzutage sehr damit, wie sie beim Sex aussehen. Es geht gar nicht um das Körpergefühl und um Lustempfinden, sondern es lastet ein unglaublich starker Druck auf jungen Frauen, einem äusserlichen Ideal zu entsprechen. Dies betrifft nicht nur die Figur, sondern sogar die Vulva. Das ist eine Katastrophe, die die sexuelle Entfaltung von jungen Mädchen massiv einschränkt. Das Frauenbild in gewissen Pornos, damit sind nicht alle Pornos generell gemeint, gibt jungen Menschen zuweilen eine völlige falsche Richtung vor. Bei Schulvorführungen des Films fragten interessanterweise viele Schülerinnen und Schüler, was denn der Orgasmus mit Frauenstimmrecht zu tun habe. Was hat Sex mit Politik zu tun? Sehr viel, denn der eigene Körper ist eine Kraftquelle. Es gibt nicht nur eine Einkommensschere sondern auch eine Orgasmusschere: 92% der Männer kommen, aber nur 64% der Frauen. Selbstliebe, sich schön finden, einen Orgasmus zu verlangen, das sind Grundvoraussetzungen für ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben. Deshalb möchte ich junge Frauen zu Selbstliebe ermutigen! Habt Euch selbst und Euren Körper gerne, steht zu Euch, erforscht und entdeckt Euch und lasst Euch nicht vom Blick der Männer abhängig machen!

Danke für das Gespräch und viel Erfolg mit der göttlichen Ordnung.

14. März 2017

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