Dune Kanada, Ungarn, Grossbritannien, USA 2020 – 155min.

Filmkritik

Zu Höherem bestimmt

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

37 Jahre nach David Lynchs von zahlreichen Problemen heimgesuchter Verfilmung des Science-Fiction-Romans «Dune» legt Denis Villeneuve eine zweite Adaption des Frank-Herbert-Klassikers vor. Das Ergebnis: Ein wuchtiges Epos mit deutlich mehr Struktur, das von manchen Kritikern allerdings etwas zu überschwänglich zum Meisterwerk hochgejubelt wird.

Schon vor Lynchs katastrophalen Erfahrungen mit dem kultisch verehrten Buch, das den Auftakt zu einer komplexen Reihe bildet, verzweifelten andere Filmemacher, darunter der in Chile geborene Exzentriker Alejandro Jodorowsky', an dem Scifi-Stoff. Diverse Leinwandbearbeitungen kamen nie über die Planungsphase hinaus. Im Wissen um diese Vorgeschichte durfte man doppelt gespannt sein, ob Villeneuve dem Roman würde Herr werden können. Nachhaltig empfohlen hatte er sich für das Projekt mit seinen beiden zuvor gedrehten, Hollywood-Konventionen unterlaufenden Filmen «Arrival» und «Blade Runner 2049». Anders als sein Kollege Lynch, dem Mitte der 1980er Jahre nicht das Recht auf den Final Cut zustand und dessen Version von den Produzenten massiv zusammengekürzt wurde, konnte der Frankokanadier seine Vision ohne gravierende Eingriffe von außen umsetzen.

Der neue «Dune», das geht in der Marketingkampagne fast unter, umfasst jedoch lediglich den ersten Teil des Buches und hinterlässt am Ende daher keinen geschlossenen Eindruck. Kurz vor der flächendeckenden Veröffentlichung des beim Festival in Venedig uraufgeführten Streifens steht die von Villeneuve angedachte Fortsetzung noch auf unsicheren Füssen. Bleibt der Erfolg an den Kinokassen aus, könnte es durchaus sein, dass der zweite Teil nie das Licht der Welt erblickt – was fraglos bedauerlich wäre. Immerhin machen die üppigen 155 Minuten Lust, tiefer in den reichhaltigen Herbert-Kosmos einzutauchen.

Damit auch Nichtkenner der Vorlage die Möglichkeit haben, sich zurechtzufinden, nehmen sich der Regisseur und seine beiden Koautoren Jon Spaihts und Eric Roth ausreichend Zeit, um das Setting, seine zentralen Figuren und die bedeutendsten Konflikte zu etablieren: In einer weit entfernten Zukunft entreisst der über ein gigantisches Weltraumreich herrschende Imperator der Harkonnen-Sippe die Kontrolle über den Wüstenplaneten Arrakis, dem einzigen Abbauort der Superdroge Spice, die nicht nur das Leben verlängert, sondern auch für die interstellare Raumfahrt wichtig ist. Als neuer Verwalter wird Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) eingesetzt, der mit seiner Geliebten Lady Jessica (Rebecca Ferguson), ihrem gemeinsamen Sohn Paul (Timothée Chalamet) und seinem Hofstaat auf den kargen Himmelskörper zieht und schnell vor einer ernüchternden Erkenntnis steht: Baron Harkonnen (Stellan Skarsgård) hat das Equipment zur Spice-Ernte in derart schlechtem Zustand hinterlassen, dass Gewinne utopisch erscheinen.

Eine eigenartige Anziehungskraft übt Arrakis auf Paul aus, der sich schon auf seinem Heimatplaneten Caladan mit mysteriösen Träumen herumschlagen musste. Auch in der neuen Umgebung bleibt er davon nicht verschont. Mehr noch: Die zurückgezogen lebenden, von den früheren Besatzern brutal unterdrückten Ureinwohner namens Fremen sehen in ihm offenbar eine Art Erlöser.

Dass sich der Film Zeit für die Einführung nimmt, ist für eine Produktion dieser Größenordnung keineswegs selbstverständlich, muss aber nicht verwundern, wenn man Villeneuves vorherige Science-Fiction-Filme kennt. Weder «Arrival» noch «Blade Runner 2049» fallen mit der Tür ins Haus. Bis zur ersten grossen Actionsequenz im Wüstensand von Arrakis, die es dafür jedoch in sich hat, dauert es mehr als eine Stunde. Den Reiz von «Dune» machen neben zahlreichen atemberaubenden Landschaftsbildern und imposanten Massenaufläufen auch und vor allem die vielen unterschiedlichen Details der Story-Welt aus.

Spannend, allerdings noch etwas nebulös ist zum Beispiel die rein weibliche Vereinigung der Bene Gesserit, die im Geheimen offenbar Strippen zieht und der Pauls Mutter angehört. Gleich zu Beginn nehmen die Macher in Person der jungen Chani (Zendaya) die Perspektive der Fremen ein und bringen das Thema «Kolonialismus» aufs Tapet. Im weiteren Verlauf gerät dieser Gedanke aber etwas in den Hintergrund. In einer potenziellen Fortsetzung könnte und sollte er wieder stärker in den Fokus rücken. Ein bisschen mehr Entfaltungsraum dürfte dann auch Chani erhalten, die hier zumeist nur durch Pauls kryptische Träume geistert. Im Mittelpunkt der Handlung steht der unerfahrene Atreides, der mit seiner Rolle als Thronfolger und der Frage, ob er wirklich ein Auserwählter sei, hadert. Ein klassischer Held wider Willen, der dank Shootingstar Timothée Chalamet eine ganz eigene Verletzlichkeit ausstrahlt.

Grundsätzlich folgt man Paul auf seiner Reise gerne. Etwas nervig ist es jedoch schon, wie penetrant der Film, nicht zuletzt über Hans Zimmers bombastisch-pathetischen Score, auf seinen Status als Messias hinweist. Der Grenze zum Overkill kommt «Dune» in diesem Punkt leider bedrohlich nahe, weshalb man die Lobeshymen mancher Kritiker ein wenig relativieren muss. Nichtsdestotrotz liefert Villeneuve ein opulentes Epos ab, das die Neugier auf den Fortgang souverän hochhält.

13.09.2021

4

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Kommentare

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Thanoss

vor 14 Stunden

Grandiose Unterhaltung. Trotz 155 Minuten hätte ich noch 2 Stunden weiterschauen können. Ein nicht ganz typischer Blockbuster ganz im Stile von Villeneueve, einfach genial.


unicron

vor 2 Tagen

Komme gerade aus dem Kino. Man kann hier nur Superlative aufzählen. Fantastisch, atemberaubend, episch. Bin immer noch wie geflashed und freue mich darüber, wieder mal einen intelligenten Blockbuster gesehen zu haben nach all dem Marvel, DC und Fast and Furious Gedöns. Werde den bestimmt noch einmal schauen gehen.Mehr anzeigen


homerr

vor 2 Tagen

Wenn man bedenkt wieviel heutige Klassiker eigentlich von DUNE abgekupfert hatten... Auch Star Wars und so. Dune kam 1965 raus und dabei mag die Geschichte ev. etwas "alt" oder "einfach" vorkommen, jedoch muss man immer bedenken wann es geschrieben wurde.
Der Film? Ein absolutes Meisterwerk, von vorne bis hinten, vom Sound über die Bilder über die Story über die Schauspieler und die gewaltigen Effekte inkl. Hammer Musik von Hans Zimmer.Mehr anzeigen


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