Pinocchio Frankreich, Italien, Grossbritannien 2019 – 125min.

Filmkritik

Hölzerne Welt

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Die Geschichten aus der Kindheit begleiten einen das ganze Leben lang – egal ob Schneewittchen, Arielle oder das Dschungelbuch, egal ob als Buch, Film oder Zeichentrickserie, diese fantasievollen Welten sind auf ewig Teil der eigenen Persönlichkeit und werden von Generation an Generation weitergegeben.

Auf der diesjährigen Berlinale hat jetzt ein Kinderbuch-Klassiker erneut das Licht der Welt erblickt: Pinocchio. Bereits 2002 hatte Roberto Benigni das italienische Kinderbuch verfilmt, mit sich selbst in der Rolle als langnasige Marionette. Nun hat sich Regisseur Matteo Garrone den Stoff vorgenommen und die Geschichte um die freche Holzpuppe und ihren „Vater“, den Schreinermeister Geppetto (Roberto Benigni), erneut auf die Leinwand gebracht.

Die Geschichte von Pinocchio, der Holzpuppe, die zum Leben erwacht, ist natürlich bekannt. Der italienische Schriftsteller Carlo Collodi hatte die Geschichte bereits 1881 in einer Wochenzeitung als Fortsetzungsroman veröffentlicht und erst ein paar Jahre später gesammelt als Buch herausgebracht. Die serielle Erzählstruktur ist noch heute zu spüren, denn auch in der Neuverfilmung reiht sich ein Abenteuer an das nächste: Pinocchio reisst von zu Hause aus, wird von Fuchs und Katze um seine Goldmünzen betrogen, landet fast im Gefängnis, verwandelt sich in einen Esel und wird von einem Riesenhai verschluckt.

Pinocchio ist als klassischer Kostümfilm erzählt, das Geschehen in der Entstehungszeit des Stoffes angesiedelt, auch wenn der Realismus durch fantastische Elemente durchzogen ist. Garrone ist darin geübt, realistische Welten künstlerisch zu brechen: in seiner gefeierten Bestseller-Verfilmung Gomorrha blickte er mit dokumentarischer Nüchternheit auf das Treiben der Mafia in Neapel, in Dogman verwandelte er eine verschlafene Küstenstadt in eine fiebrige Film noir-Kulisse. In Pinocchio lässt er nun die Zeit um 1880 aufleben, hier dominieren natürliche Braun- und Erdtöne, die kratzige Struktur des groben Leinenstoffs ist quasi spürbar, und in der Luft liegt der Geruch von Stroh.

Weit weg von der Realität bewegt sich Garrone jedoch nicht, Fuchs und Katze sehen fast menschlich aus, einzig die animalischen Züge ihrer Nasen und vereinzelte Schnurrhaare verraten ihr tierisches Wesen, andere Figuren wie der Affen-Richter oder die Schnecke als Magd sind wiederum deutlich tierischer geraten. Im Zentrum steht natürlich Pinocchio, sein Holzgesicht wirkt wunderbar lebendig – und es ist faszinierend zu sehen, wie sehr das Holz mit jedem neuen Abenteuer mehr Kerben und Risse bekommt.

Zugleich macht die Nähe zum Realismus die Geschichte etwas schwerfällig, eine lockere und überbordende Fantasiewelt oder sprudelnde Kreativität sucht man hier vergebens. Und durch den historischen Look wirkt das Geschehen zusätzlich angestaubt, was durch die moralisch-pädagogischen Ebene der Erzählung unterstrichen wird. Denn Pinocchio bricht zwar zu eigenen Abenteuern auf, lernt aber immer die Lektion, dass er ein braver, fleissiger und artiger Junge sein muss – und lügen sieht man ihm sowieso an der Nasenspitze an.

Natürlich sind das prinzipiell erstrebenswerte Eigenschaften, aber so direkt wie es bei Pinocchio ausgesprochen und vermittelt wird, wirkt es etwas angestaubt und in die Jahre gekommen. Denn mittlerweile sind andere Freigeister wie Pippi Langstrumpf, Harry Potter oder die Simpsons durch die Kinderzimmer gejagt und haben einen anderen Erzählstandard gesetzt. Von daher hätte Pinocchio eine kleine Frischzellenkur besser getan als diese werkgetreue, aber streckenweise doch uninspirierte Verfilmung.

25.02.2020

2.5

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