CH.FILM

Jagdzeit Schweiz 2019

Filmkritik

Bis dass der Tod euch scheidet

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

In Sabine Boss‘ knallhartem Wirtschaftsdrama schenken sich die Protagonisten nichts, bis alle alles verloren haben.

Er ist ein Perfektionist, dieser Alexander Maier, seines Zeichens Finanzchef des (fiktiven) Schweizer Automobilzulieferers Walser und, wie man so schön sagt, die Zuverlässigkeit in Person. Zumindest was die Arbeit betrifft, denn die geht bei Maier immer vor. Das mag mit ein Grund sein, dass seine Frau und sein Sohn ihn verlassen haben, insgeheim allerdings hofft Maier, dass die beiden zu ihm zurückkehren.

Doch dann platzt der deutsche Topmanager Werner Brockmann in sein Leben. Der steht im Ruf eines so knallharten wie erfolgreichen „Turnaround-Managers“ und soll als CEO die jüngst ins Schlingern geratene Firma Walser wieder auf Kurs bringen. Alsbald beginnt er den Laden von Grund auf umzustellen. Maier, rechtschaffen, brav und vielleicht eine Spur naiv, lässt sich von ihm vorerst willig einspannen. Doch je länger Brockmann waltet, desto suspekter wird er Maier. Die vermeintliche Kollegialität schlägt in einen zunehmend erbitterten Machtkampf um, der seine Spitze erreicht, als ein Grossinvestor unverhofft abspringt, der geplante Börsengang platzt und Brockmann die Schuld daran Maier in die Schuhe schiebt. Das stürzt den durch seinen familiären Konflikt und die angespannte Stimmung im Betrieb physisch und psychisch bereits stark belasteten Maier derart tief in die Krise, dass er daraus keine Rettung mehr findet.

Zappenduster und gnadenlos unbeschönigt hat Sabine Boss (Der Goalie bin ig) ihr Managerdrama inszeniert und entwirft darin von den subalternen Angestellten in ihren nüchternen Büros bis zur Führungselite auf der verglasten Teppichetage realitätsnah das faszinierende Porträt eines heutigen Schweizer Industriebetriebs. Ulrich Tukur (Und wer nimmt den Hund?) spielt Brockmann mit energischer Verve, die Rolle Maiers gehört dem in seinem spröd zurückhaltenden Spiel überzeugenden Stefan Kurt, der hier eine seiner grössten Rollen spielt.

Jagdzeit, heisst es im Film, beruhe auf realen Ereignissen; gemeint ist eine Reihe von Suiziden in Schweizer Managerkreisen in der ersten Hälfte der 2010er-Jahre. Boss hat die verschiedenen Fälle zu einer Geschichte verdichtet, dass die Zuschauer sich dabei an einzelne Fälle konkret erinnern, dürfte nicht unbedingt ihre Absicht gewesen sein und trägt zur Sache nichts bei. Jagdzeit ist ein packendes und zugleich nachdenklich stimmendes Drama, das mit geschärftem Blick das gnadenlose System der heutigen Leistungsgesellschaft hinterfragt.

14.02.2020

4

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Kommentare

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Patrick

vor einer Stunde

Jagdzeit kommt in ähnlichem Muster wie Wallstreet daher und sich mit dessem Film sogar messen.Die Darsteller~Leistung von Stefan Kurt & Ulrich Tukur ist großartig und sie gehen darin vollkommen auf.Dank dem Drehbuch kan der Story auch Mühelos folgen sowie wirkt Jagdzeit auch sehr realistisch.Ich habe Jagdzeit in Anwesenheit von:Filmemacherin Sabine Boss und Darsteller Stefan Kurt gesehen.Ich gebe Jagdzeit 4.1/2 Schüsse von 5.Mehr anzeigen


Taz

vor 21 Stunden

Regisseurin Boss liefert einen CH-Film ab, den man gesehen haben sollte. Stefan Kurt und vor allem Ulrich Tukur sind wahnsinnig stark und bringen die Story spannend und überzeugend unter die Leute. Ein Thema, mit dem sich die Leute (Manager) von heute ein bisschen mehr beschäftigen sollten. Bravo!Mehr anzeigen


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