Grâce à Dieu Frankreich 2019 – 137min.

Grâce à Dieu

Filmkritik

Gegen das Schweigen

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Der französische Regisseur François Ozon ist Dauergast auf der Berlinale, bereits vier Mal waren seine Filme im Wettbewerb zu sehen, zuletzt war er 2009 mit der Fantasy-Parabel Ricky in Berlin. Zehn Jahre später kehrt er nun mit dem fesselnden Missbrauchsdrama Grâce à Dieu zurück.

Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mit seiner Frau und Kindern ein gutbürgerliches Leben. Eigentlich scheint sein Leben perfekt, doch als er zufällig in den Nachrichten das Bild eines Priesters aus seiner Kindheit sieht, holt ihn seine dunkle Vergangenheit wieder ein. Alexandre wurde von dem Geistlichen über mehrere Jahre missbraucht – wie viele andere Kinder auch. Doch nun, 30 Jahre später, ist der Priester noch immer in der Jugendarbeit tätig. Alexandres Fall zwar verjährt, aber dennoch er stellt Strafanzeige. Und plötzlich melden sich immer mehr Opfer zu Wort und brechen ihr Schweigen...

In den letzten Jahren sind auf der ganzen Welt wieder tausende von Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche bekannt geworden, bei denen sich Priester, Bischöfe und andere Ordensleute jahrelang an ihren Schutzbefohlenen vergangen haben. Die Opfer haben aus Angst oft geschwiegen, viele der Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. Doch jeder aufgedeckte Skandal ermutigt nun andere Opfer, über das Erlebte zu sprechen und Anzeige zu erstatten.

Mit Grâce à Dieu hat sich François Ozon auf einen realen Fall aus Frankreich konzentriert, dessen Verfahren noch immer nicht abgeschlossen ist und ein Urteil erst im Laufe von 2019 erwartet wird. Aber sein Film ist kein Justizdrama, sondern ein schmerzhafter und präziser Blick auf das Leben der Opfer, Jahre nach dem sexuellen Missbrauch.

Ausgehend von Alexandre wandert das Drama zum nächsten Opfer, das wiederum etwas mehr Aufmerksamkeit auf den Fall lenkt, wodurch sich der nächste Betroffene zu Wort meldet, und so weiter. Durch diese episodenhafte Erzählstruktur, durch das Wandern von einem Protagonisten zum nächsten, wird das Ausmass des Missbrauchs immer deutlicher, ebenso wie das Versagen und Vertuschen der Institution Kirche. Und plötzlich wird ein System sichtbar, in dem der Täter zwar von Anfang an seine Taten nie geleugnet hat und die Verantwortlichen sogar darüber Bescheid wussten, er aber trotzdem weitere Jahrzehnte mit Kindern gearbeitet hat.

Ozon erzählt den bewegenden Befreiungsschlag der Opfer, die später gemeinsam eine Selbsthilfegruppe organisieren, völlig kitschfrei, ja beinahe sachlich. Immer wieder werden Briefe, Mails und Aussagen in die Dramaturgie eingebunden, die Bedachtheit des geschrieben Wortes prägt dabei den Lauf des Filmes. Doch zugleich gibt Ozon den Opfern genügend Raum, um über ihre Verletzungen und Spätfolgen der Taten zu sprechen. Denn Grâce à Dieu ist kein sensationslüsternes Wühlen in den Pädophilieskandalen der Kirche, sondern ein behutsames und bewegendes Protokoll des Leidens. Und ein Film gegen das Schweigen.

18.02.2019

4

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