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Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern Schweiz 2015 – 90min.

Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Filmkritik

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Stina Werenfels hat Lukas Bärfuss' Theaterstück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" fürs Kino adaptiert: Sie hat das Drama um die 18-jährige Dora entscheidend erweitert und verstärkt. Die Kindfrau rebelliert, verliebt sich und wird schwanger. Couragiertes Kino mit einer herausragenden Victoria Schulz in der Hauptrolle.

Dora, geistig leicht behindert, feiert ihren 18. Geburtstag. Ihre Mutter Kristin beschliesst die Absetzung beruhigender Medikamente für ihre Tochter. Und die entdeckt die eigene Sexualität und Sinnlichkeit. Unschuldig und unverfroren stürzt sie sich in ein sexuelles Abenteuer mit dem wildfremden Peter (Lars Eidinger). Der geniesst ebenso unverfroren und unverantwortlich den Sex mit der verliebten Dora. Die Eltern (Jenny Schily und Urs Jucker) haben keinen blassen Schimmer von Doras Eskapaden, bis ihre Tochter schwanger wird. Was soll werden aus dem rebellischen Teenager und ihrem Kind?

In der Bearbeitung des Dramas gehen Stina Werenfels und Boris Treyer einige Schritte weiter als Autor Lukas Bärfuss. Sie erzählen aus der Perspektive der Kindfrau, die um Selbstverwirklichung kämpft ("Ich will nicht behindert sein!"). Unverblümt hat sich Dora an den Hals des gleichgültigen Peter, einer Zufallsbekanntschaft, geworfen und findet Spass. Er nutzt ihre jugendliche Offenheit und Lust (fast) ohne Gewissensbisse aus.

Stina Werenfels macht Dora zur unbequemen Heldin. Die junge Frau wird ungewollt zur Konkurrentin ihrer Mutter Kristin, die gern ein zweites Kind bekommen würde, aber im Gegensatz zur ihrer Tochter scheitert. "Gebärmutterneid" nennt Werenfels dieses Verhältnis. Beeindruckend ist die visuelle Umsetzung. Kameramann Lukas Strebel fand fesselnde Bilder, um Doras Empfindungen auszudrücken, aber auch Doras und Kristins traumatische Visionen zu realisieren. Er kleidet sie in verschwommene Impressionen.

Newcomerin Victoria Schulz verkörpert die aufmüpfige Dora überzeugend bis in die Zehenspitzen. Es ist ihre erste grosse Kinorolle – und schon eine Meisterleistung. Auch ihr Gegenspieler Lars Eidinger bietet eine beunruhigend gute Leistung als phlegmatischer Sexpartner. Dora – das ist eine Frau, die trotz einer gewissen Behinderung unverwüstlich und radikal ihre Selbstbestimmung, ihren Weg sucht. Der Untertitel von den «sexuellen Neurosen unserer Eltern» erschliesst sich nur über Umwege und wirkt etwas schief, das hängt wohl mit der Theaterstückvorgabe zusammen. Dieser aussergewöhnlich wuchtige, aber auch intensive und intime Schweizer Film wurde an die Berlinale 2015 eingeladen.

13.02.2015

5

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Kommentare

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andrea61

vor 4 Jahren

Ein Film, der einen mitten ins Geschehen, ins Leben dieser Familie nimmt. Dort fühlt man mit, hat Zeit zu spüren. Empathie mit allen Beteiligten ist möglich, weil die Regisseurin einen Raum lässt, diese zu entwickeln.


micatone

vor 4 Jahren

Nicht stimmig der Film. Was will er uns sagen?


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