Vielleicht lieber morgen USA 2012 – 104min.

Vielleicht lieber morgen

Filmkritik

Ein kleines Meisterwerk

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Geschichten aus dem Kosmos amerikanischer High Schools gibt es wie Sand am Meer. Eine Perle wie The Perks of Being a Wallflower aber findet man darunter allerdings nur alle Jubeljahre. Regiedebütant Stephen Chbosky hat seinen gleichnamigen Roman gleich selbst verfilmt.

Der schüchterne Schüler Charlie (Logan Lerman) beginnt in den 90er Jahren mit der High School und fühlt sich nach dem Selbstmord seines einzigen Freundes und einer Zeit in psychiatrischer Behandlung mehr denn je als Außenseiter. Doch das beginnt sich zu ändern, als er die ebenso süße wie eigenwillige Sam (Emma Watson) und ihren schwulen Stiefbruder Patrick (Ezra Miller) kennenlernt und in ihre schräge, "Rocky Horror Picture Show" und Indie-Rock liebende Clique aufgenommen wird. So viel Lust das Erwachsenwerden aber plötzlich macht, so schwer wiegen immer noch die Verletzungen der Vergangenheit, zu denen sich bald auch neue Schwierigkeiten gesellen.

Natürlich ist The Perks of Being a Wallflower nicht der erste Film, der die Außenseiter fernab des Cheerleader-Teams und der Football-Mannschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Auch Mean Girls oder Easy A wählten jüngst vermeintlich unpopuläre Kids als Protagonisten, von der Serie Glee ganz zu schweigen. Aber das funktionierte eigentlich immer nur mittels komödiantischer Überzeichnungen, dem Spiel mit Klischees und jeder Menge Humor. Dagegen geht Chbosky ungleich ernster und feinfühliger an die Sache heran; er zeichnet so ein Bild vom Dasein als Jugendlicher, das man so authentisch und auch fernab aller High School-Rituale gültig selten im Kino sieht.

Alle Höhen und Tiefen der Schulzeit haben in seinem Film ihren Platz, von den ätzenden Kommentaren der Sitznachbarn im Unterricht und diesem nagenden Gefühl, womöglich die eigenen Eltern enttäuscht zu haben, bis hin zum Rausch der ersten wirklichen Party, der großen Liebe und dem unermesslichen Glück, langsam bei sich selbst anzukommen. Und der Regisseur und Drehbuchautor schreckt auch vor sehr viel spezielleren und heftigeren Themen wie Missbrauch oder psychischen Traumata nicht zurück, ohne The Perks of Being a Wallflower auch nur einen Deut seiner traumwandlerischen Leichtigkeit zu berauben.

Besonders glaubwürdig und überzeugend ist dieser kleine große Film aber vor allem in seiner Selbstverständlichkeit, mit der er niemanden aus-, sondern Jugendliche aller Art einschließt. Dank der drei von den Darstellern famos dargestellten Protagonisten gewinnt er eine Allgemeingültigkeit, die vergleichbare Filme sonst nie erreichen. Egal ob Junge oder Mädchen, hetero oder schwul - durch die gleichermaßen umwerfend komischen wie traurigen, ebenso euphorisierend lebensfrohen wie tief anrührenden Erfahrungen der Teenagerjahre muss letztlich jeder durch. So offen und tolerant, so wahrhaftig und charmant wie The Perks of Being a Wallflower müsste Mainstream-Kino immer sein.

15.11.2012

5

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Kommentare

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ts.14

vor 5 Jahren

Ein bewegender Film. Und Emma Watson erinnert mich nicht mehr an Hermione (liegt wohl an den kurzen Haaren):) Daumen hoch!


funkyfunghi

vor 5 Jahren

Genialer film


Barbarum

vor 5 Jahren

Endlich mal was anderes, als die seichten Teenagerschnulzen, die man sonst so vorgesetzt bekommt.


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