CH.FILM

The End of Time Kanada, Schweiz 2012 – 109min.

The End of Time

Filmkritik

Die Zeit sichtbar machen

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Mit The End of Time hat der Schweizkanadier Peter Mettler seine transzendentale Trilogie abgeschlossen. Seine filmischen Grenzgänge gipfeln in einem denkwürdigen Panorama: Er lädt ein zu einer Zeitreise von der Schweiz bis Hawaii, Kanada und Indien, vom Irdischen zum Himmlisch-Kosmischen. Ein eindrücklicher, nachhaltiger Essayfilm.

Ein Mann fällt vom Himmel, die Forscher vom CERN in Genf sind Elementarteilchen auf der Spur, Lavaströme auf Hawaii haben das Haus eines Mannes umschlossen, Hausbesetzer versuchen ein totes Quartier in Detroit wiederzubeleben, Menschen vollführen eine Feuerbestattung in Indien - dies sind eindrückliche Zeitbilder, die zum Staunen und Nachdenken anregen. Peter Mettlers neuster assoziativer Film, virtuos montiert, breitet ein anspruchsvolles Thema über verschiedene Ebenen aus.

Zeit ist ein unendliches Thema. Man kann sich darin verlieren. "Ich habe mich quasi von der Zeit leiten, inspirieren und sie auf mich einwirken lassen. Ich hatte nicht die Absicht, das Rätsel der Zeit zu entschlüsseln oder aufzulösen", erklärt der Filmer. "Ich wollte mit meinen Mitteln die Zeit erforschen – mit Bildern und Tönen. Ich wollte die Zeit mit der Zeitmaschine Kino erkunden." Und das macht der gebürtige Schweizer, der in Kanada lebt, virtuos. Fünf Jahre hat er an diesem Film gearbeitet, drei allein fürs Filmen. Er setzte sich mit verschiedenen Aspekten auseinander: Die Vulkane auf Big Island in Hawaii verweisen auf Geologie, die heruntergekommene Autostadt Detroit steht für wechselhafte Zivilisation; das Schweizer Forschungszentrum CERN spricht den physikalischen Faktor Zeit an; religiöse und philosophische Fragen kommen unter anderem in Indien, an einer Erleuchtungsstätte Buddhas, zur Sprache.

Die grosse Bilderreise führt auch zum Küchentisch, an dem Mettlers Mutter den sehr menschlichen Rat gibt: "Zeit? Mach das Beste draus!". Am Ende mündet der Bilderstrom in ein berauschendes Mandala. Die Zeit, heisst es einmal, ist eine Idee. Existiert Zeit überhaupt oder ist sie schlicht eine Vereinbarung? Auch davon handelt Mettlers filmisches Essay. Mettler ist wie in seinen Filmen Picture of Light (1996) und Gambling, Gods & LSD (2002) zuvor weiterhin der Transzendenz auf der Spur, eine visuelle Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit, der Vergänglichkeit.

Natur und menschliche Erfahrung, Irdisches und Kosmisches vermengen sich. Der Film wartet mit faszinierenden, berauschenden Bilden auf, spielt meisterhaft auf der Tastatur zwischen "Liveaufnahmen", Zeitlupe und Zeitraffer. Er ist sparsam im Kommentar, reich im Visuellen. Fragen der Zeit und um die Zeit, zum Werden und Vergehen fliessen in Mettlers Bildernetzwerk ein. Ein universales Filmkunstwerk.

15.10.2012

5

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Kommentare

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zurich14

vor 6 Jahren

Starke Bilder, starker Sound. In der ersten Hälfte konnte der Film m. E. die Aufmerksamkeit des Publikums relativ gut aufrecht erhalten. Dann aber sinkt die anfängliche "Spannung" durch die fantastischen Bilder zu Beginn langsam ab. Im letzten Drittel vermisste ich die Stringenz und es wurde zunehmend belangloser und nervöser (weniger Naturbilder, mehr Grafikanimationen). Doch ich kann den Film trotzdem empfehlen, denn so etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wie schon von anderen Usern angemerkt, hätte weniger Gerede dem Film vielleicht gut getan.Mehr anzeigen


thomasmarkus

vor 6 Jahren

zum Teil grossartige Bilder, dann aber wieder wünschte ich mir, es wäre ein Stummfilm (!) - und am Ende wartete ich auf "the end of the film"...


tomhof3

vor 6 Jahren

Ästhetizistischer Wohlfühl-Kitsch. Spannungslos und gleichförmig werden Bilder aneinandergereiht, begleitet von einem bedeutungsschwangeren, aber wenig erhellenden oder poetischen Text. Die Dialektik von Werden und Vergehen wird kaum in eine Filmsprache umgesetzt und erlebbar gemacht. Mettler kommt dem spannende Thema nie näher: beispielsweise im maroden Detroit, wo Henry Ford vor 100 Jahren die Zeit radikal in kleinste ökonomische Einheiten zerstückelte, wäre sehr viel Potenzial vorhanden gewesen, um über Zeit zu sinnieren. Da bleibt es nur Fassade, wenn sich die Kamera in selbstverliebten Fahrten hin und her und her und hin über die zerfallenden Häuser ergeht. Der stärkste Moment: Mettlers Mutter, von der Zeit gezeichnet, ringt um Worte und steuert einige persönliche Gedanken zum Thema bei.Mehr anzeigen


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