CH.FILM

A perdre la raison Belgien, Frankreich, Luxemburg, Schweiz 2012 – 114min.

Filmkritik

Freier Fall im Glück

Filmkritik: Andrea Wildt

Ein feinfühliges Drama, das einen um den Verstand bringt: Der belgische Regisseur Joachim Lafosse hat sich von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen und den Mord einer Mutter an ihren vier Kindern verfilmt.

Das tragische Ende der Geschichte ist von Anfang bekannt: Die erste Szene zeigt den Ehemann am Krankenbett seiner Frau, die ihn mit letzter Kraft bittet, ihre Kinder in Marokko zu begraben, dem Land ihrer Hoffnung. Sein Schrei wird erstickt von der aufheulend grellen Musik, und sanft gleiten vier kleine Särge übers Rollband ins Flugzeug. Aber bis dahin ist es ein langer Weg.

Er beginnt mit der leidenschaftlichen Liebe zwischen der lebensfrohen Grundschullehrerin Murielle (Emilie Dequenne) und dem Marokkaner Mounir (Tahir Ramin). Sie wollen heiraten, eine Familie gründen - das volle Programm. André (Niels Arestrup), ein älterer, wohlhabender Arzt und Ziehvater von Mounir, bietet dem Liebespaar, was fehlt: eine Bleibe in seinem Haus und einen Job für den arglosen Ehemann.

In eigenwilligen Kadrierungen zeigt der Film den Alltag dieser Ménage à trois, die als Murielle immer wieder schwanger wird, zügig zu vier, fünf, sechs, sieben anwächst. Beständig hinter ins Bild ragenden, diffusen Gegenständen wie Türrahmen oder Möbeln versteckt beobachtet die Kamera mit stechend voyeuristischem Blick den langsamen Fall der Protagonistin im Alltag zwischen Mutter- und Frausein.

A perdre la raison bringt den Zuschauer um den Verstand: Wie die Protagonistin mehr und mehr die Verbindung zur Realität verliert, so entgleitet sie uns fast unbemerkt mit jeder Szene etwas mehr, und am Ende stehen wir den Ereignissen ebenso fassungslos gegenüber wie vor dem Film. Der belgische Regisseur Joachim Lafosse lässt keine starke Empathie für seine Protagonistin entstehen, es verbleibt das schlichte Beobachten ihres schleichenden Verfalls.

Keine grossen Worte, keine erwähnenswerte Auflehnung gegen die aufgezwungenen Lebensbedingungen. Murielle scheint sich dem Schicksal schnell und fast widerstandslos ergeben zu haben und sinkt Tag für Tag tiefer in die Abhängigkeit der Familie. Lediglich ihre körperliche Verwandlung und ihre zarten Gesten der Verzweiflung machen ihre Entfremdung ersichtlich. (Emilie Dequenne wurde in Cannes für diese Darstellung ausgezeichnet). Darin liegt die Schönheit von A perdre la raison: Er führt den Zuschauer bedächtig über den Weg seiner Protagonistin, aber erzwingt niemals ein Verständnis für ihre brutale Tat. Das Unvorstellbare bleibt undarstellbar. Am Ende der Horror, kalt und unfassbar greift er einem an die Kehle.

23.09.2020

4

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Kommentare

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Tatschi82

vor 7 Jahren

Kein Film für jeden Tag - aber man sollte ihn auf jeden Fall gesehen haben. Einer jener Filme, die noch die nächsten Tage nachhallen und präsent sind und einem sehr nachdenklich stimmen.


leguana

vor 7 Jahren

Ein ganz schwieriges Thema, wunderbar umgesetzt. Eindrücklich. Der Film lässt wohl niemand unberührt.


weinberg10

vor 7 Jahren

Eindrücklich und berührend. Zum ersten Mal erlebte ich an den Solothurner Filmtage, dass aus Betroffenheit niemand am Schluss klatschte. Fantastische Schauspilerin, denn sie spielt diese Frau- und Mutterrolle sehr überzeugend.


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