Kill Bill: Volume 1 USA 2003 – 94min.

Filmkritik

Turning Japanese

Filmkritik: Jürg Tschirren

Quentin Tarantinos erster Film seit sechs Jahren ist zu einer wilden Fahrt durch asiatische (Sub-)Genres geworden, in der das Blut gleich hektoliterweise spritzt und kaum ein Ding nicht als Verweis auf ein anderes funktioniert.

Bereits der Anblick erster Werbeposter vermittelte eine Ahnung, wohin uns Tarantinos Obsessionen diesmal tragen: Eine grimmig dreinblickende Blondine im eng anliegenden gelben Lederkombi, in der rechten Hand ein Samurai-Schwert, das kann kaum etwas anderes bedeuten als jede Menge Schwertkampf-Action, Chick-Fights und eine grosse Portion Rache. Und tatsächlich: Die da Rache nimmt ist die ehemalige Auftragsmörderin Black Mamba, die wir nur als "The Bride" (Uma Thurman) kennen lernen. Grund zum Zorn hat sie genug: An ihrer Hochzeit veranstalteten die ehemaligen Arbeitskollegen von der "Deadly Viper Assassination Squad" (DiVAS) ein wahres Massaker, und Ex-Boss Bill verpasste der schwangeren Braut eine Kugel in den Kopf. Vier Jahre später erwacht Thurman aus dem Koma, greift sich an den nun flachen Bauch, weint um ihr verlorenes Kind und macht sich auf, die Schuldigen eine/-n nach dem/der anderen zur Strecke zu bringen.

"In the year 2003, Uma Thurman will kill Bill" hiess die ursprüngliche Tagline des Films. Nun muss die "03" durch eine "04" ersetzt werden, denn das Studio Miramax hat sich mit ausdrücklicher Unterstützung Tarantinos dazu entschlossen, "Kill Bill" in zwei Portionen in die Kinos zu bringen. Der non-linearen Erzählstruktur folgend werden wir im ersten Teil Zeuge, wie mit Vernitia Green aka "Copperhead" (Vivicia A. Fox) der vorletzte Name auf der Liste gestrichen wird und Thurman danach mit O-Ren Ishii aka "Cottonmouth" (Lucy Liu) abrechnet. Erst im Frühjahr 2004 sollen die restlichen Mörderschlangen abgehakt werden: Elle Driver aka "California Mountain Snake" (Daryl Hannah) und Budd aka "Sidewinder" (Michael Madsen). Am Schluss der Todes-Liste steht schliesslich David Carradine als Bill.

"Volume 1" spielt grösstenteils in Japan, und Tarantino wurde im Vorfeld des Filmes nicht müde zu erklären, er habe eine Hommage an das asiatische Martial Arts-Kino geschaffen, welches sein Schaffen nachhaltig prägte. Wie es vom König von Nerdistan nicht anders zu erwarten war, ist "Kill Bill" damit zur wahren Referenz-Orgie geworden. Das fängt bei Thurmans Motorradanzug an, der in ähnlicher Form von Bruce Lee in "Game of Death" getragen wurde, geht über die Schlangen-Alias der DiVAS, die Cheh Changs Klassiker "Five Deadly Venoms" in Erinnerung rufen, bis zum wunderbaren Sonny Chiba, der als Waffenschmied Hattori Hanzo gleich selbst als Fleisch gewordene Referenz-Figur funktionert. Es wäre kaum erstaunlich, wenn Tarantino auch noch O-Ren Ishii's Pantoffel als Verweis auf einen obskuren Film der Shaw Brothers angelegt hätte.

Die Kampfszenen sind unter der Choreographie des seit "The Matrix" und "Crouching Tiger, Hidden Dragon" auch im Westen bekannten Yuen Woo Ping zum kinetischen Wunderwerk geworden und knallhart in Szene gesetzt. Abgesäbelte Gliedmassen fliegen dutzendweise durch die Luft, und Blut tropft nicht, sondern spritzt wie zu Ogami Ittos Zeiten aus voll aufgedrehten Gartenschläuchen. Das scheint für Miramax, hinter denen der Disney-Konzert steht, dann doch des Schlimmen zu viel gewesen zu sein. Teile des gut 20-minütigen, ultrabrutalen Pre-Showdowns sind in schwarz-weiss gehalten. Das trägt auf dramaturgischer Ebene nichts zum Film bei und unterbricht unnötig dessen Fluss, doch dürfte der Kunstgriff ein kommerziell verheerendes NC-17-Rating verhindert haben und "Kill Bill" damit in den USA auch Jugendlichen unter 17 Jahren zugänglich machen.

Wie Tarantino gegenüber dem englischen Filmmagazin "Sight&Sound" erklärte, handelt "Kill Bill" nicht wie "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction" im real existierenden Quentin Tarantino-Universum. Vielmehr sei es ein Film-im-Film, wie ihn sich die Charaktere aus "Reservoir Dogs" oder "Pulp Fiction" im Kino anschauen würden. Nicht umsonst wirkt "Kill Bill" zu grossen Teilen irreal und bis ins slapstickhafte überzeichnet. Schade nur, dass der dialogarmen Geschichte der Drive von "Pulp Fiction" abhanden geht und im Gegensatz zu "Jackie Brown" das Potential an Identifikationsfiguren gering ist.

Uma Thurman gibt eine überzeugende Rächerin, doch zwischen all den Kampfszenen bleibt kaum Zeit für die Entwicklung anderer Figuren. Der ominöse Bill bleibt der Leinwand fern wie Charlie seinen Angels, und selbst das im Animé-Stil gezeichnete Kapitel zur Herkunft O-Ren Ishii's wirkt zu selbstzweckhaft, um uns die zweite Hauptfigur von "Volume 1" vertraut zu machen. Doch vor einer abschliessenden Wertung bleibt abzuwarten, was uns der zweite Teil bringen wird. Da sollen dann auch Spaghetti Western durch Tarantinos Zitatmaschine gedreht werden, hört man.

28.02.2017

4

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Kommentare

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movie world filip

vor 8 Jahren

gelbe outfit: sehr cool - story retrocool... music auch wieder okay - stilvolle referenz an das samurai genre. Tarantino in vorm


Gelöschter Nutzer

vor 9 Jahren

:)


pillar

vor 13 Jahren

Ich bin ja nicht so der blutergötzende Samurai Junkie, aber dieser Film bietet doch mal eine Abwechslung zu 08/15 Filmstories. Nicht für Jedermann, was auch die Beiträge in diesem Forum zeigen!!;)


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