Gosford Park USA 2001

Gosford Park

Filmkritik

Mord im Giftparadies

Filmkritik: Andrea Bleuler

Der 76-jährige Robert Altman hat für sein pfeffriges Portrait des britischen Klassensystems Anfang der dreissiger Jahre verschiedene Schauspieler-Generationen zusammengebracht: Stars wie Alan Bates, Emily Watson, Maggie Smith, Helen Mirren, Stephen Fry und Kristin Scott Thomas brillieren in stolzen Nebenrollen.

Der neureiche Widerling mit angeheiratetem Titel Sir William McCordle (Michael Gambon) und seine gelangweilte Gattin Lady Sylvia (Kristin Scott Thomas) haben zu einem Jagdwochenende auf ihrem Landsitz geladen. Mit von der Partie sind Aristokraten aus der näheren Verwandtschaft, die standesgemäss mit ihren Bediensteten anreisen. Filmstar-Cousin Ivor Novello (Jeremy Northam), der die moderne Adelsgeneration der Show-Prominenz verkörpert, ist ebenfalls vor Ort und hat Gäste aus Hollywood mitgebracht, welche die Schicht spezifischen Gepflogenheiten aufwühlen.

Das Reich des dekadenten Überflusses ist nicht nur durch Gänge und Treppenhäuser sondern vor allem auch durch das gesprochene Wort mit demjenigen der ewig Zudienenden verbunden. Liebe, Neid, Hass, Betrug liefern beidseitig Gesprächs- und Konfliktstoff. Und obschon die Besitzverhältnisse auf den ersten Blick so eindeutig verteilt sind, setzt sich bald folgende Erkenntnis durch: im Grunde sind es lauter einsame, armselige Gestalten, die sich rastlos durchs Leben schleppen und für ein nebliges Novemberwochenende in Gosford Park zusammengefunden haben.

Jean Renoirs "La règle du jeu" (1939) und Agatha Christies Whodunits haben laut Robert Altman das Filmprojekt inspiriert. Dass der eigentliche Mord nicht als Höhepunkt des Spektakels gesetzt ist, versteht sich von selbst. Die zahlreichen, endlos verworrenen Handlungsstränge liefern die eigentliche Substanz der Geschichte - die abschliessenden Ermittlungen des trotteligen Zweimeter-Sherlock-Holmes (Stephen Fry) sind entsprechend zweitrangig.

"Gosford Park" bedient die Bedürfnisse des ewig neugierigen Voyeurs. Die schleichend-belauschende Kamera kombiniert mit Breitleinwand-Format ist mittlerweile zu einem Markenzeichen des Regisseurs geworden. In Julian Fellows ausgefeiltem Drehbuch gibt es ferner ausschliesslich Nebenrollen, weshalb für einmal nicht die hierarchischen Traditionen im zeitgenössischen Starsystem spielen und verschiedene Glanzlichter des Schauspiels nebeneinander bestehen können. Vorweggenommen sei folgendes: BBC’s legendäres "Haus am Eaton Place" - die endlos wiederholte Seifenoper aus den siebziger Jahren - droht neben Altmans kompaktem Zweistünder über die Welten below- und above-stairs und die ergänzenden Hierarchien innerhalb der Hierarchien kläglich zu verblassen. Da kein Wort an Belanglosigkeiten vergeudet wird oder gar überflüssig ist, empfiehlt sich übrigens auf jeden Fall ein wiederholter Filmbesuch - der Genuss steigert sich im Quadrat.

15.11.2011

5

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Kommentare

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holiday88

vor 2 Monaten

Interessanter Film über die Schönen und Reichen sowie deren Bedienstete, von denen jeder seine Geheimnisse hat. Eigentlich mehr eine Art Gesellschaftssatire als ein Krimi - daher entsprach der Film nicht ganz dem, was ich erwartet hatte. Dennoch unterhalten die kleinen Spitzfindigkeiten und Dialoge den Zuschauer gut - insbesondere Maggie Smith überzeugt in ihrer nonchalanten Darstellung als noble, aber verarmte Dame besserer Herkunft. :-) Dennoch hat der Film seine Schwächen (u.a. die Vielzahl der Charaktere, die schwer zu überblicken sind); zudem lässt das Ende leider einige Fragen unbeantwortet.Mehr anzeigen


movie world filip

vor 6 Jahren

stilvolle kostumfilm über was "downstairs" und "upstairs" passiert - sehr starkes script


Gelöschter Nutzer

vor 8 Jahren

Wenn der Regisseur nicht Großmeister Robert Altman wäre, könnte man diesen Film mit Nichtbeachtung in der Vergessenheit versenken. Doch dann macht zunächst einmal das riesengroße Staraufgebot hellhörig. Andererseits hätte nur ein wirklicher Könner wie er so einen Film machen können. Eine überaus prächtige Ausstattung sorgt für die Atmo im Schloss. Eigentlich passiert fast nichts. 90% sind Small Talk, gemischt mit albernen Gehässigkeiten, blasiertem Snobismus oder arrogantem Standesdünkel. Selbst ein Mord bleibt fragwürdig und die Anwesenden schenken ihm weiter wenig Beachtung. Man ahnt ein Motiv. Es bleibt aber ziemlich vage. Ist es ein Spiegelbild der englischen Gesellschaft vor dem 2. Weltkrieg? Die unheilvolle Aufspaltung in zwei Klassen? Eine dem Untergang geweihte Aristokratie? Von alledem ein bisschen. Mit leichter Hand inszeniert wartet man darauf, dass etwas passiert. Aber je länger das Warten andauert, desto ermüdend wird es.Mehr anzeigen


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