Artikel11. Januar 2023

Entfesseltes Spielzeug: Puppen im Film

Entfesseltes Spielzeug: Puppen im Film
© IMDb

Denkt man an Puppen im Film, fallen einem wahrscheinlich als Erstes Horrorfilme ein. Kein Wunder, schon in der Frühzeit des Kinos ergründeten Filmschaffende die unheimliche Aura, die von den menschenähnlichen Spielzeugen ausgehen kann. «The Doll’s Revenge» (1907) und «Dead of Night» (1945) zeugen von dieser seltsamen, bis in die Gegenwart anhaltenden Faszination. Mit «M3GAN» startet Anfang 2023 ein neuer Vertreter des Gruselsubgenres, der uns als Anlass für einen kleinen Streifzug dienen soll. Doch nicht immer wird es dabei schaurig…

Ein Artikel von Christopher Diekhaus

«Pinocchio» (1940): Lebendiges Holz

Carlo Collodis Erfindung Pinocchio, eine Holzpuppe, die ein richtiger Junge werden möchte, gehört zweifellos zu den bekanntesten Kinderbuchfiguren weltweit. Ein Denkmal gesetzt wurde dem kleinen liebenswerten Kerlchen in Disneys zweitem abendfüllendem Spielfilm «Pinocchio» von 1940, der seine aufregenden Erlebnisse und seine Beziehung zu seinem Schöpfer, dem Tischler Geppetto, mit grossem kreativem Eifer beschreibt.

Zu Recht nahm man den charmanten, farbenfrohen, mit schwungvollen Musikstücken gespickten, manchmal aber auch ernsten Zeichentrickfilm in das sogenannte National Film Registry auf, in dem als kulturell, geschichtlich oder ästhetisch wertvoll erachtete US-Filme für die Nachwelt bewahrt werden. Dass Collodis Stoff auch über 80 Jahre nach Erscheinen des Disney-Klassikers noch nichts von seiner Strahlkraft eingebüsst hat, beweist die Ende 2022 veröffentlichte, unter Federführung Guillermo del Toros entstandene Adaption. Gewohnt bildgewaltig nähert sich der Mexikaner der Geschichte um die kleine Holzpuppe und stimmt in seinem beeindruckenden Stop-Motion-Film eine Ode an Individualität und gegenseitiges Verständnis an.

Verfügbar auf Disney+

«Magic - Eine unheimliche Liebesgeschichte» (1978): Bauchredner im Klammergriff

Puppen, die zum Leben erwachen und böse Dinge tun, sind für sich genommen schon beunruhigend genug. Noch furchteinflössender wird es allerdings, wenn sie zur menschlichen Hauptfigur in einer symbiotischen Beziehung stehen. Wie im Fall der Romanverfilmung «Magic - Eine unheimliche Liebesgeschichte», in der ein aufstrebender, aber psychisch kranker Bauchredner in den Bann seines Bühnenaccessoires gerät und zum Mörder avanciert.

Seine beklemmende Wirkung bezieht der von Richard Attenborough inszenierte Thriller vor allem aus der eindringlichen Performance von Anthony Hopkins, der die Qualen des Protagonisten schmerzhaft authentisch transportiert. Schon erstaunlich, dass dieser kleine, fiese Schocker lange ein Schattendasein fristete. Kürzlich wurde jedoch bekannt, dass Horrorexperte Sam Raimi ein Remake ins Bild setzen soll. Mal schauen, ob es so kommt!

Verfügbar auf On Demand bei YouTube

«Chucky - Die Mörderpuppe» (1988): Der Klassiker unter den Horrorpuppen

Chucky ist nicht der Vater aller bösen Filmpuppen, wohl aber einer der bekanntesten und garstigsten Vertreter. Tom Hollands Horrorthriller handelt von einer Spielzeugfigur, in die ein auf der Flucht vor der Polizei tödlich verletzter Serienkiller (Brad Dourif) seine Seele mittels Voodoo-Zauber transferiert. Nach dem Erwerb eben dieser Puppe gerät das Leben des kleinen Andy (Alex Vincent) und seiner Mutter Karen (Catherine Hicks) völlig aus den Fugen.

«Chucky - Die Mörderpuppe» schert sich nicht um Subtilität, sondern schmeisst sich mit Anlauf in die absurde Prämisse und fördert einige blutige Gemeinheiten zu Tage. Dank knackiger Effekte, wirkungsvoller Schauspielleistungen und einer souveränen Inszenierung kommt immer wieder Spannung auf – was man über viele der zahlreichen Fortsetzungen hingegen nicht mehr sagen kann.

Verfügbar On Demand auf AppleTV

«Saw» (2004): Auf dem Dreirad kommt das Grauen

Eine tragende Rolle hat sie nicht. Bleibenden Eindruck hinterlässt die diabolisch dreinschauende, oft auf einem Dreirad umherfahrende Puppe aus James Wans Überraschungsschocker «Saw» aber allemal. Dem im Film grausame Spielchen spielenden Serienmörder Jigsaw (Tobin Bell) dient sie zur Kommunikation mit seinen potenziellen Opfern.

Auch wenn dieses Billy genannte Kerlchen nur sporadisch auftaucht, trägt es seinen Teil zur nervenaufreibenden Atmosphäre des effektiv durchgetakteten Horrorthrillers bei. Wir jedenfalls können uns an keine Horrorpuppe aus der jüngeren Vergangenheit erinnern, deren Anblick einen so sehr frösteln lässt.

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«Team America: World Police» (2004): Puppen lassen die Sau raus

Keine Gänsehaut, sondern einen Angriff auf die Lachmuskeln des Publikums haben die «Southpark»-Macher Trey Parker und Matt Stone mit ihrer Actionsatire «Team America: World Police» im Sinn. Laut, schrill und politisch unkorrekt geht es in der Geschichte um eine aus Marionetten bestehende US-Eliteeinheit im Kampf gegen islamistische Terroristen zu. Es wird gekotzt, geflucht, gefickt – und in alle Richtungen geschossen.

Aufs Korn nehmen die kreativen Köpfe hinter dem wilden Ritt die imperialistische Attitüde der Bush-Regierung, aber auch das oft nach plumpen Mustern funktionierende Blockbuster-Kino Hollywoods und die wohlfeilen Weltverbesserungsbestrebungen mancher Schauspielstars. «Team America: World Police» hat zweifelsohne Schwächen, ist aber zugleich ein Film, an dem man sich wunderbar reiben kann. Allzu oft werfen die grossen Studios ein solch wahnwitziges, die Geschmacksgrenzen ausreizendes Werk nicht auf den Markt.

Verfügbar on Demand bei AppleTV

«Annabelle: Creation» (2017): Dämonisch besessen

Eine eher uninspirierte Schreckensshow spult der aus dem Haunted-House-Streifen «The Conjuring» (2013) erwachsene Grusler «Annabelle» (2014) ab, in dem sich alles um eine angeblich dämonisch besessene Puppe dreht. Eine Spur stimmiger wirkt der zweite Teil «Annabelle: Creation», der als Prequel die Vorgeschichte der titelgebenden Schauerfigur erzählt und ein an Polio erkranktes Waisenmädchen (Talitha Bateman) in den Mittelpunkt stellt.

Regisseur David F. Sandberg taucht in eine akribisch ausgestattete 1950er-Jahre-Welt ein, setzt zunächst auf einen atmosphärischen Ansatz und bringt uns so die Ängste der Protagonistin überzeugend näher. Irgendwann verschiebt sich die Ausrichtung allerdings hin zu einer konventionellen Geisterbahnfahrt, in der Holzhammereffekte die Oberhand gewinnen. Nichtsdestotrotz bleibt «Annabelle: Creation» auch im Vergleich mit dem dritten Kapitel «Annabelle Comes Home» (2019) der stärkste Teil über die Gruselpuppe, die durch die Fallakten des real existierenden Geisterjägerpaares Lorraine und Ed Warren Bekanntheit erlangte.

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Verfügbar auf Netflix

«Toy Story 4» (2019): Sehnsucht nach Zuneigung

Herzerwärmende, unvergessliche Momente hält die «Toy Story»-Reihe um den Spielzeugcowboy Woody und seine Kinderzimmerfreunde zuhauf bereit. Im vierten Teil der Saga trifft der Protagonist (Originalstimme: Tom Hanks) bei einem Ausflug mit der Familie seiner kleinen Besitzerin in einem Antiquitätenladen auf eine Puppe namens Gabby Gabby (Christina Hendricks), die wie eine Mischung aus Don Vito Corleone aus «Der Pate» (1972) und einer klassischen Horrorfilmfigur inszeniert wird.

Auf der Suche nach einem Ersatz für ihre kaputte Sprachbox scheint sie zu allem bereit. Nach und nach erweist sich die Antagonistin aber als tragische, seit Jahrzehnten achtlos im Regal liegende Gestalt, der es eigentlich nur um etwas Zuneigung und Liebe geht. Wie es den Machern gelingt, unsere Haltung ihr gegenüber Stück für Stück ins Positive zu wenden, ist in jeder Hinsicht beachtlich. Emotionale Komplexität und Nuancen werden im «Toy Story»-Universum eben gross geschrieben!

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