Schachnovelle Österreich, Deutschland 2021 – 122min.

Filmkritik

Der geistige Zusammenbruch

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Stefan Zweigs postum veröffentlichter Roman, den er im Exil in Brasilien geschrieben hat, wurde ab den 1970er Jahren zu einem der grossen Erfolge der deutschen Literatur und ist vielerorts Schullektüre. Weil sich an dieser Geschichte exemplarisch das Grauen des Dritten Reichs erkennen lässt, das einen Mann in den Wahnsinn trieb.

Dr. Bartok wird in der Nacht der Machtergreifung Österreichs durch die Nationalsozialisten gefangen genommen und in ein Hotel gebracht. Dort eröffnet ihm ein Offizier der Gestapo, dass er die Zugangs Codes für Nummernkonten seiner betuchten Klientel preisgeben soll. Aber Bartok weigert sich, fest in dem Glauben, dass man ihn nach Preisgabe dieser Informationen töten würde. Bartok wird in ein Zimmer gesperrt, in dem es keine Ablenkung gibt: Keine Zeitungen, keine Bücher, nichts, noch nicht mal ein Gespräch mit seinem Wächter. Aber Bartok gelingt es nach langer Zeit, in den Besitz eines Schachbuchs zu gelangen. Könnte es für seine geistige Gesundheit die Rettung sein?

Bei der Adaption des Romans hat sich Eldar Grigorian Freiheiten erlaubt, indem er die Geschichte auf dem Schiff, die nach Bartoks Freilassung spielt, elegant mit der Haupthandlung im Hotel verbunden hat. Er folgt dabei Zweigs Roman, in dem der geistigeZusammenbruch eines Menschen beschrieben wird, aber auf andere Weise. Zweig lässt Bartok zur gespaltenen Persönlichkeit werden, wenn er mit sich selbst Schach spielt. Eine vielleicht etwas plumpe Art der Darstellung dieser mentalen Krankheit, die der Zeit derEntstehung des Romans geschuldet ist, weswegen der Film einen anderen Ansatz wählt und stattdessen den langsamen geistigen Verfall zeigt.

Das spielt Oliver Masucci in der Hauptrolle hervorragend. Über weite Strecken ist er wie seine Figur ganz allein, und dennoch gelingt es ihm, den Zuschauer immer wieder in den Bann zu ziehen. Weil man Bartoks sture Haltung in Frage stellt – und sich selbst auch. Würde man handeln wie er oder würde man einbrechen? Der Film ist dabei exzellent zu zeigen, welchen hohen Zoll die totale Deprivation fordert. Hier wird eine Folter exerziert, die schmerzhafter als jede körperliche Verletzung ist. Den Zusammenbruch stellt Masucci überzeugend dar, während die Geschichte sich langsam in ihrer Gänze entfaltet.

Ein Happyend gibt es im Roman nicht – und auch im Film ist es nicht gegeben. Bestenfalls gibt es ein Überleben, aber immer mit der Frage versehen, ob es das überhaupt wert war. Keine leichte Kost, aber ein lohnender Film mit einem überragenden Hauptdarsteller. Sehenswert.

20.09.2021

4

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Kommentare

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Swisscheese

vor einem Monat

Buch ist besser aber trotzdem sehenswert


Silv007

vor 2 Monaten

Sehenswert


as1960

vor 2 Monaten

In der "Schachnovelle" wehrt sich der Geist gegen die Brutallität der Nazi-Diktatur. Die konzentrierte Sicht auf die Hauptfigur ist manchmal anstrengend, aber nur dadurch kann der Kinogänger voll in die Gedankenwelt des Gepeinigten eintauchen. Alles in allem eine gelungene, wenn auch nicht buchstabentreue Literaturverfilmung.Mehr anzeigen


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