Je suis Karl Tschechische Republik, Deutschland 2021 – 126min.

Filmkritik

Die Hipster ziehen in den Krieg

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Die Berlinale gilt als das politischste der grossen Filmfestivals und steht mit ihren Filmen und Preisen für Toleranz, Vielfalt und eine offene, demokratische Gesellschaft – ein klares Zeichen, vor allem in einer Zeit, in der überall populistische Kräfte erstarken. Der Film „Je suis Karl“ erzählt von einer neuen Generation des Rechtsradikalismus, der sich überall in Europa verbreitet.

Es war eine selbstverständliche Hilfe unter Nachbarn: Familienvater Alex nimmt ein Paket an. Doch weil er den Wein vergessen hat, geht er nochmal los – und überlebt. Im Paket war eine Bombe, die Explosion reisst seine Frau, seine beiden Söhne und sieben weitere Menschen in den Tod. Ein Terroranschlag, der Berlin erschüttert. Alex‘ Tochter Maxi hat ebenfalls überlebt, weil sie nicht zu Hause war. Die junge Frau ist traumatisiert und in ihr wächst eine Angst, die sie nicht einzuordnen weiss. Doch als sie den charismatischen Karl trifft, hat er plötzlich die richtigen Antworten. Karl nimmt sie mit zu einem Kongress nach Prag, wo sie junge Leute trifft, von denen sie sich verstanden fühlt und schon bald ist sie Teil einer Bewegung, die entschlossen ist, Europa grundlegend zu verändern. Mit allen Mitteln.

„Je suis Karl“ ist die Geschichte einer Radikalisierung, eine Annäherung daran, wie sich menschenverachtende Parolen in Köpfen festsetzen und zu Taten werden. Regisseur Christian Schwochow hat mit seinem Drehbuchautor Thomas Wendrich intensiv zu den Bewegungen der Rechten in Europa recherchiert und daraus einen fiktiven, aber nicht minder authentischen Film gemacht.

Nach dem traumatischen Terroranschlag in Berlin findet Hauptfigur Maxi, kraftvoll gespielt von Luna Wedler, Trost und Rückhalt in einer ideologisch zusammengeschweissten Gesellschaft – und die wirkt auf den ersten Blick ziemlich offen und lässig.

„Je suis Karl“ überzeugt vor allem als genaues Porträt der Neuen Rechten, die mit moderner Symbolik und einem lockeren Lifestyle ihre Absichten verschleiern. Hier agieren keine strammen Neonazis mit Glatzen und Springerstiefeln, vielmehr wirkt der Kongress so sexy und trendy wie ein Influencer-Treffen – Gin-Tasting inklusive. Es ist eine sympathisch wirkende, intelligente und durchtrainierte Elite, man ist international gut vernetzt, weiss um Selbstinszenierung und mediale Wirkung. Und nicht nur die Looks, auch die Themen haben sich verschoben, es geht um Umweltschutz, Feminismus und sogar Diversität (wobei das „United Colors of Europe“-Plakat, das in Karls Wohnung hängt, nur weisse Frauen zeigt.)

Der Film taucht ein in diese irritierende Widersprüchlichkeit, er spielt mit der Ästhetik der Aneignung, öffnet den Raum für Maxis Faszinationen und führt auch den Zuschauer durch schnelle Schnitte und fette Beats immer wieder in Versuchung. Apropos Versuchung: Das präzise Spiel von Jannis Niewöhner, der die Figur von Karl stets zwischen Faszination und Fanatismus schillern lässt, trägt stark dazu bei, den gefährlichen Charme der politischen Rädelsführer glaubhaft zu vermitteln und zugleich zu entlarven. Und so entwirft „Je suis Karl“ trotz einiger konstruierten Plot-Twists das Szenario einer möglichen Machtübernahme, das auf beunruhigende Weise realistisch wirkt.

02.07.2021

4

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