Drive My Car Japan 2021 – 179min.

Filmkritik

Wege zur Trauer

Filmkritik: Maxime Maynard

Mit Werken wie «Senses» im Jahr 2015 oder «Asako» I & II im Jahr 2018 - jeweils ausgezeichnet mit dem Darstellerpreis beim Filmfestival von Locarno und im Wettbewerb um die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes - bewies Ryūsuke Hamaguchi ein einzigartiges Talent, das eine strahlende Zukunft ankündigt. Endlich kommt «Drive My Car» auch zu uns, und wir können zart betroffen feststellen: Dieses Meisterwerk übertrifft alle unsere Erwartungen. Die Verfilmung von Haruki Murakamis Kurzgeschichte wurde bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet und ist nun auch bei den Oscars auf grosse Anerkennung gestossen.

Zwei Jahre zuvor verlor Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima), ein bekannter Schauspieler und Regisseur, auf tragische Weise seine Frau. Noch immer trauernd, reist er nach Hiroshima, um dort Anton Tschechows Onkel Wanja zu inszenieren. Der unterzeichnete Vertrag verpflichtet ihn, das Steuer seines geliebten roten Saabs an Misaki (Tôko Miura), eine wortkarge junge Frau, zu übergeben. Die Proben beginnen, eine Fahrt folgt der anderen. Die beiden Protagonisten lernen sich langsam kennen, öffnen sich nach und nach füreinander und lernen, ihre Verluste zu überwinden, um weiterzumachen.

Wie schön ist es, die Darsteller durch die intimen Landschaften des Werks von Ryūsuke Hamaguchi zu begleiten. Drei Stunden lang sind wir hin- und hergerissen zwischen unserer Faszination für die Theaterkunst und der Empathie, die wir durch die immer intimer und sensibler werdenden Gespräche empfinden. Diese 179 Minuten mögen auf den ersten Blick ungewöhnlich lang erscheinen, sind aber letztendlich notwendig, um eine ergreifende, anmutende Beziehung zweier verletzter Menschen zu entwickeln. Nur wenige Spielfilme können sich rühmen, die Trauer mit so viel Feingefühl darzustellen und den menschlichen Schmerz mit einer so melodischen Sanftheit zu beschreiben. Die Geschichte stellt ihre Protagonisten mit einer verblüffenden Natürlichkeit dar, in der wir uns in ihrer Poesie vergessen. Die Musik, die wir hören, ist die, die auf der Leinwand gespielt wird. Die Alltagsgeräusche untermalen den Rest des Spielfilms in aller Authentizität. Diese auditive Beschränkung vermeidet eine dramatische Zuspitzung und konzentriert unsere Aufmerksamkeit auf die aussergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen einer grossartigen Besetzung.

Hidetoshi Nishijima zieht das Kostüm des trauernden Regisseurs Yūsuke Kafuku an und dabei ist er betörend. Die Kraft seines Blicks versprüht einen wohldosierten Duft von Emotionen. Seine magnetische Aura hätte das gesamte Werk tränken können, wird aber durch die blendende Teilnahmslosigkeit von Tōko Miura perfekt ergänzt. Ihr fast permanenter Stoizismus unterstreicht die Bedeutung jedes kleinen, abweichenden Ausdrucks. Ihre Traurigkeit erscheint dadurch umso grösser, ihre Trauer umso tiefer. Wir dürfen auch nicht das Talent all der Seelen vergessen, die unsere beiden Helden umgeben. Masaki Okada, dessen Blick fest in unseren Augen verankert ist, bietet uns den schönsten Monolog des Films. Park Yoo-Rim teilt mit uns die stumme Anmut der koreanischen Zeichensprache. Diese brillanten Darbietungen dringen tief in unser Innerstes ein, in die kleinsten Winkel unseres Geistes, und bleiben noch lange nach dem Film in uns.

Die Bedeutung der Kommunikation und die Schönheit der Sprache liegen dem Werk sehr am Herzen. Mit Faszination beobachten wir die Proben zu Onkel Wanja. Mandarin, Japanisch, Koreanisch, Zeichensprachen - diese theatralischen Momente, die von zahlreichen Sprachen heimgesucht werden, umweht ein leichter Oneirismus . Obwohl sie sich nicht verstehen oder kommunizieren können, führen die Charaktere des Stücks einen Dialog. Aber unsere beiden von stummer Trauer gefangenen Seelen in Not verstehen sich. Diese Figuren, die allesamt gegensätzlich sind, befreien sich im Rhythmus der Fahrten durch ihre Worte. In dieser Wiederaufbauarbeit, in der Aufrichtigkeit ihres Austauschs, liegt die ganze Finesse des japanischen Kinos. Wir fühlen uns eingeschlossen, privilegiert, all das miterleben zu dürfen, und gehen leichtfüssig aus dieser wunderbaren Erfahrung hervor.

Ryūsuke Hamaguchi bleibt seinem Talent treu und versetzt uns in Erstaunen. Der Autor, die Regie, die Auswahl der Schauspieler, alles ist von seiner brillanten Handschrift geprägt, um uns ein prächtiges, fesselndes und ergreifendes Werk zu schenken. Wir lassen uns von den Dialogen führen und von den Emotionen überwältigen. «Drive My Car» hat das Zeug dazu, Sie zu begeistern, und zwar für lange Zeit.

Übersetzung aus dem Französischen von Maxime Maynard durch Alejandro Manjon.

04.01.2022

4.5

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Kommentare

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Patrick

vor einem Monat

Ein 3 Stunden Arthouse Film kan das überzeugen? Ja kan,den durch die famose Darsteller~Leistungen und dessen Mimik sowie Dialogen ist es ein Oscar würdiger Film.Daher zu recht den Oscar für den Fremdsprachigen Film.Fazit:Zeit nehmen und geniessen.Dafür gibts von Mir 4.1/2 Sterne von 5.


thomasmarkus

vor 3 Monaten

Die Bedeutung kleiner, fast zu übersehender Details: Wird mal erwähnt (punkto der Drehbuchschreiberin) -
aber auch durchgespielt.
Literaturverfilmung: Geschichten werden hier oft erzählt, nicht gezeigt, ich schau dem/der Erzählerin zu und bin mitten im Film.
Dass die Cinemanfilmkritik aus dem Franzöischen übersetzt ist, merkt man beim Thema Sprachen. Der/die ZuschauerIn ist aber vielleicht ganz froh, diese Info im Kopf zu haben. So leichthin merkt der Mitteleuropäer ja nicht auf Anhieb, wenn das Japanische in Mandarin wechselt. Um nicht zu spoilern zum Thema "Weltsprachen im Kino" nur erinnert an Dan Browns VatikanThriller.
Wieder ein Film (wie Parasite), der am besten besucht wird fast ohne gänzliches Vorwissen. Und dann müsste man die Fäden selber zusammensuchen, seine Schlüsse ziehen. Paar Orientierungspunkte verraten die Besprechungen im Vorfeld. Wie schaute es anders aus?
Schon einige japanische Filme gesehen - erstmals getschekkt: die haben Linksverkehr!Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor 26 Tagen


barbara8311

vor 3 Monaten

Ich liebe langsame, achtsame Filme normalerweise. In diesem Fall habe ich schlicht den Zugang zum Film nicht gefunden. Meiner Freundin ging es ebenso. Langatmig, langsam bis hin zu langweilig. Auch die Handlung hat sich uns nicht wirklich erschlossen. Nach 2 Stunden kam dann die erlösende Pause und wir konnten das Kino verlassen. Schade.Mehr anzeigen


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