The Father Frankreich, Grossbritannien 2020 – 97min.

Filmkritik

Das unaufhaltsame Vergessen

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Das nachdrückliche, umwerfend gespielte Drama „The Father“ zeigt, was die heimtückische Erkrankung Demenz mit Betroffenen und Angehörigen macht. Keine leichte Kost, aber ein zutiefst menschlicher, ehrlicher Film, dessen Besonderheit die dargestellte Erzählperspektive ist.

Anthony (Anthony Hopkins) hat Demenz in fortgeschrittenem Stadium. Helfen lassen will er sich nicht, auch wenn dies dringlich erforderlich wäre: Denn das Leben und der Alltag in seiner grossen Wohnung in London überfordern ihn. Kein Wunder, dass Tochter Anne (Olivia Colman) allmählich die Geduld abhandenkommt. Zumal die Situation künftig nicht leichter wird. Denn Anne plant einen Umzug nach Frankreich – und damit wäre Anthony auf sich allein gestellt. Da Anthony aber öfter Dinge verlegt und die Verwirrung zunimmt, bleibt nur eins: Pflegerin Laura (Imogen Poots) soll ihn unterstützen. Gelingt es ihr, zu ihm durchzudringen?

Es sind vornehmlich zwei thematische Schwerpunkte, die der französische Regisseur Florian Zeller in seinem Langfilmdebüt behandelt: eine komplexe Vater-Tochter-Beziehung und den sich zunehmend verschlechternden Zustand eines alten Mannes, der sich selbst vergisst. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter präsentiert er ausgewogen und eindringlich, zumal Zeller die Verhaltens- und Handlungsweisen der Charaktere sowie deren Motivationen jederzeit ernst nimmt. Und: Er begegnet seinen Figuren mit Respekt und Empathie. Differenziert zeigt Zeller die unheilbare Krankheit mit all ihren Symptomen und Folgen. An einer Stelle des Films stellt Anthony die entscheidende Frage, die das Kernproblem der Demenz zusammenfasst: „Wer bin ich eigentlich?“

Anthony Hopkins brilliert als Hauptdarsteller, der alle Phasen der Krankheit glaubhaft darstellt. Der britische Oscar-Preisträger füllt seine Rolle kraftvoll aus und verleiht seiner Figur die notwendige Tiefe. Aber da gibt es noch etwas anderes, das „The Father“ so besonders macht und ihn von vielen inhaltlich ähnlich gelagerten (Krankheits-) Dramen abhebt. Er schildert das Geschehen fast ausnahmslos aus der persönlichen Perspektive Anthonys. Und verzichtet damit gleichzeitig auf den – distanzierten – Blickwinkel von aussen, etwa der Verwandten oder Freunde. Zeller nutzt zudem bewusst Kontraste, Andeutungen und Täuschungen.

Er lässt zum Beispiel einige Darsteller in unterschiedliche Rollen schlüpfen, um beim Zuschauer Verwirrung zu stiften. Der Zuschauer soll das Geschehen so sehen und wahrnehmen wie der Protagonist. Dies ist ein herausragender inszenatorischer und stilistischer Schachzug, der seine volle Wirkung entfaltet. Und so erwischt man sich tatsächlich irgendwann dabei, ebenso wie der demenzkranke Anthony, an der Realität und der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

09.04.2021

4.5

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Kommentare

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Barbarum

vor 21 Tagen

Der französische Dramatiker und Regisseur Florian Zeller stellt in der Adaption seines Theatererfolgs „Le Père“ ein klinisches Rätsel. Lange auf Kosten der Emotion. Aber aufgrund des überragenden Spiels Anthony Hopkins‘ bricht „The Father“ einem dennoch fast das Herz.


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