Here We Are Israel, Italien 2020 – 94min.

Filmkritik

Emotionale Reise durch Israel

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

„Here We Are“ erzählt von einem sorgenden Vater, der mit seinem autistischen Sohn einen (Selbstfindungs-) Trip durch Israel unternimmt. Es geht um verdrängte Wahrheiten und die Schwierigkeit loszulassen. Mit Empathie für die Figuren und grossem Einfühlungsvermögen umgesetzt.

Seit der Trennung von seiner Frau widmet sich Aharon (Shai Avivi) mit Hingabe seinem autistischen Sohn Uri (Noam Imber). Seine Bedürfnisse stellt Aharon dabei jederzeit hintenan. Doch je älter Uri wird desto mehr drängen seine Mutter und die Behörden darauf, Uri in einer speziellen Einrichtung unterzubringen. Auf dem Weg dorthin überkommen Aharon plötzlich Zweifel und er nimmt Reissaus. Ist Uri bereit für diese Veränderung? Oder liegt es an Aharon, für den dieser einschneidende Schritt womöglich zu früh kommt?

Der neueste Film des israelischen Regisseurs Nir Bergman, der 2003 mit seinem Drama „Broken Wings“ bekannt wurde, dreht sich um Fragen der Selbstreflexion, Akzeptanz und Verlustangst. Im Zentrum steht eine aussergewöhnliche, von gegenseitiger Bewunderung geprägte Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Mit Sensibilität und Respekt begegnet Bergman seinen Figuren und den Themen, die sie umtreiben.

Jene Inhalte und Fragen, die der Film aufwirft, sind universell. Sie funktionieren losgelöst von dem hier dargestellten familiären Mikrokosmos zwischen Aharon und Uri, die bei ihrem Roadtrip durch Israel in mal absurd-heitere, mal tragische Situationen geraten. Wann ist für Eltern der richtige Moment gekommen um loszulassen? Wann ist es an der Zeit, sich seinen eigenen Wünschen und (beruflichen) Vorstellungen zu widmen? Und waren alle bislang getroffenen Lebensentscheidungen eigentlich wirklich so gut und zielführend?

Nicht alle Handlungselemente sowie Stationen und Erlebnisse der Reisenden vermögen auf gleiche Weise zu packen und mitzureissen, zumal der Film etwa in der Mitte etwas auf der Stelle tritt. Doch abgesehen davon kommen nur selten Langeweile oder Langatmigkeit auf. Denn dafür lässt Bergman seine Charaktere viel zu oft auf der emotionalen Achterbahn fahren – und Momente allergrösster Verzweiflung (Uris Anfall am Bahngleis) oder herzerwärmender Freude und Sorglosigkeit (wenn Vater und Sohn befreit herumalbern) durchleben. All diese Szenen spiegeln das wahre Leben wieder.

Die Chemie zwischen Shai Avivi und Noam Imber stimmt zu jeder Zeit. Vor allem Avivi agiert würdevoll und ausdrucksstark als (über)fürsorglicher Vater, der sich eingestehen muss, nicht ewig für Uri sorgen zu können. Lobenswert ist, dass Bergman den Blick auch auf andere Beziehungen weitet. Darunter Aharons Verhältnis zu seinem Bruder sowie zu seiner Ex-Frau, die in Aharons Beziehung zu Uri eine schädliche Ko-Abhängigkeit sieht.

24.06.2021

4

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