Berlin Alexanderplatz Kanada, Frankreich, Deutschland, Niederlande 2020 – 183min.

Filmkritik

In der Einsamkeit des Neonlichtes

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Mit Spannung wurde der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag der Berlinale erwartet – schliesslich wagt sich Regisseur Burhan Qurbani mit seiner Neuverfilmung von «Berlin Alexanderplatz» an einen Meilenstein der literarischen Moderne. Und – wie ihm Film sei hier das Ende auch direkt vorweggenommen – das gelingt ihm streckenweise sehr gut.

Alfred Döblins Werk erschien 1928, Qurbani transportiert in seiner Adaption den Stoff in die Gegenwart. Sein Franz Bieberkopf wird zu Francis, einem jungen Mann, der aus Westafrika nach Deutschland geflüchtet ist. Bei seiner Ankunft hat er sich geschworen, künftig anständig zu sein. Aber ohne gültige Papiere und Arbeitserlaubnis bleiben ihm eigentlich keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Anfangs arbeitet er illegal auf einer Baustelle, doch dann taucht der Kleinkriminelle Reinhold im Wohnheim auf und lockt mit dem Versprechen auf schnelles, einfach verdientes Geld: Drogen verkaufen im Park. Anfangs wehrt sich Francis gegen das Angebot, doch schon bald steht er unter Reinholds Scheffel. Als er sich in die Prostituierte Mieze verliebt, scheint sein Leben sich zum Guten zu wenden, doch Reinhold zieht ihn immer tiefer in den Abgrund.

Der Roman Berlin Alexanderplatz ist ein literarisches Schwergewicht, ein dichtes und gewaltiges Epos. Und mit diesem Ansatz der grossen Erzählkunst geht auch Qurbani ans Werk: Er inszeniert den Abstieg von Francis in aufwändig komponierten Bildern und nutzt die visuelle Kraft des Kinos. Sein Berlin ist ebenso dunkel wie künstlich, im Schein des Neonlichtes wirken die Abgründe hochglanzpoliert und harmlos, die Schönheit des Artifiziellen überlagert den Dreck der Realität. Es ist eine Welt, die stets ein Versprechen macht, das nicht gehalten werden kann, die scheinbar greifbare Erfüllung eines guten Lebens bleibt bewusst nur Behauptung.

Hauptdarsteller Welket Bungué spielt Francis mit unerschütterlichem Glauben in das Gute im Menschen, auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiss, dass er lediglich ein Spielball der widrigen Umstände sein wird. Es ist aber vor allem Albrecht Schuch, der in seiner Rolle als durchtrieben psychotischer Reinhold heraussticht. Mit eigenwilliger Fistelstimme, unkontrolliertem Gekicher und zusammengezogener Physis bewegt er sich zwar am Rande der Karikatur, fügt sich deswegen aber perfekt in die bewusst inszenierte Künstlichkeit ein.

Zwar kann Berlin Alexanderplatz mit grossartigen Bildern und DarstellerInnen punkten, trotzdem fehlt dem Film leider das letzte Quäntchen Mut, um dem Jahrhundertroman gerecht zu werden. Döblins Werk war damals eine Sensation, es war modern und neu, denn das Tosen der Grossstadt wird dort zu einem vielschichtigen Chor montiert, aus verschiedenen Stilen und Querverweisen türmt sich ein komplexes Bild des modernen Lebens auf.

Knapp hundert Jahre später setzt die Neuverfilmung auf eine konventionelle und lineare Erzählweise, die zwar gut funktioniert (auch wenn im letzten Drittel dem Film etwas die dramaturgische Puste ausgeht), aber durchaus hätte wilder ausfallen dürfen. Und so ist Berlin Alexanderplatz eine gelungene und sehenswerte Neuverfilmung, die aber bei weitem nicht so modern ist, wie sie sich gibt.

06.04.2020

3.5

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