Antebellum USA 2020 – 106min.

Filmkritik

Der lange Atem des Rassismus

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Dass die aus den Tagen der Sklaverei stammende Unterdrückung der Schwarzen in den USA längst nicht überwunden ist, wollen die Filmemacher Gerard Bush und Christopher Renz mit ihrem Regiedebüt „Antebellum“ unterstreichen. Leider verpacken sie ihre Botschaft in eine seltsam unausgereift wirkende Geschichte, deren grosser Twist Horror- und Thriller-Liebhabern bekannt vorkommen könnte.

Ihren ersten abendfüllenden Spielfilm eröffnen Bush und Renz mit einer minutenlangen Kamerafahrt, die von immer unruhiger werdenden Geigenklängen begleitet wird. Langsam bewegen wir uns an einem Südstaatenhaus vorbei, folgen einem Soldatentrupp und müssen schliesslich mitansehen, wie Captain Jasper (Jack Huston) eine davonlaufende Sklavin kaltblütig erschiesst. Das Leben auf der Plantage inmitten des Amerikanischen Bürgerkriegs ist eine Qual, zumindest für diejenigen, die dort als Arbeitskräfte missbraucht werden.

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch beschliesst die junge Eden (Janelle Monáe), sich an die Regeln dieses schrecklichen Ortes zu halten und ihren Mund nur dann noch aufzumachen, wenn sie gefragt wird. Sehr zum Missfallen einer neu eingetroffenen Leidensgenossin (Kiersey Clemons), die, auch wegen ihrer Schwangerschaft, so schnell wie möglich das Weite suchen will.

Nach etwas weniger als vierzig Minuten verlässt der Film seinen historischen Schauplatz und springt plötzlich in die Gegenwart, wo die Frau, die wir bislang als Eden kannten, offenbar aus einem bösen Traum erwacht. Nun heisst sie Veronica Henley und tritt kurz darauf eine Reise zu einem Vortrag an, bei dem die für die Rechte der Schwarzen eintretende Aktivistin ihr neues Buch präsentieren soll. Am Tagungsort angekommen, wundert sie sich über einige merkwürdige Begebenheiten.

„Antebellum“ arbeitet auf einen grossen Twist hin, den der offizielle Trailer erstaunlicherweise schon vorwegzunehmen droht. Wer in den letzten zwanzig Jahren einige Mystery-Thriller gesehen hat, könnte sich an ein Werk von 2004 erinnert fühlen, dessen Schlusswendung kontroverse Meinungen hervorrief. Ähnlich zwiespältig ist auch die Offenbarung, die Bush und Renz servieren. Sprengkraft besitzt sie allemal. Das Regie- und Drehbuchgespann versteht es aber nicht, die Geschichte sauber aufzubauen und ihre Pointe sinnvoll darin einzubetten. Während das Anfangsdrittel besonders in seiner beklemmenden Atmosphäre überzeugt, fällt der im Hier und Jetzt spielende, überzeichnet daherkommende Mittelteil spannungstechnisch komplett ab. Der dritte Akt wiederum entfesselt eine Gewaltspirale, deren reisserischer Charakter der zentralen Botschaft nicht sehr dienlich ist.

Zu zeigen, wie stark rassistische Denk- und Handlungsmuster der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichen, ist interessant und wichtig. „Antebellum“ bereitet diese Überlegung allerdings enttäuschend schlampig auf – und verschenkt so die Möglichkeit, einen vergleichbar starken Eindruck zu hinterlassen wie Jordan Peeles sozialkritischer Horrorbeitrag „Get Out“, der ebenfalls den in der US-Gesellschaft tief verwurzelten Rassismus offenlegt.

19.10.2020

2.5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 2 Tagen

Einer der Filme, wo ich froh bin, habe ich (obige) Filmkritik nicht vorher gelesen.
Der Sprung vom ersten zu zweiten Teil überraschend - und im doppelten Sinn eine Rückblende.
Der Film so lesbar als Triptychon, Amerika am Scheideweg?


Julia

vor 6 Tagen

Der Film fährt ein............und nicht so, wie man denkt......


Stylit61

vor 26 Tagen

Bewegender Film zum aktuellen Thema Rassismus. Bestechendes Drehbuch, spannend bis zuletzt.
Die Kamera hat mich nebst dem Inhalt sehr begeistert.


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