Wir USA 2019

Wir

Filmkritik

Das Grauen aus dem Spiegel

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Horror mit Hintersinn – Get Out, das Regiedebüt des als Komiker bekannt gewordenen Jordan Peele, schlug 2017 ein wie eine Bombe. Der Mix aus Grusel, Satire und Rassismus-Parabel überzeugte Kritiker und Zuschauer gleichermassen und wurde bei der Oscar-Verleihung sogar mit einer Trophäe für das beste Original-Drehbuch ausgezeichnet. Dass der humorige Schocker kein Glücksschuss war, beweist der afroamerikanische Filmemacher nun mit seiner zweiten Arbeit, die einmal mehr in düstere Gefilde führt und in die tief gespaltene US-Gesellschaft blickt.

Nachdem sie im Jahr 1986 auf einer Kirmes im kalifornischen Santa Cruz in einem Spiegelkabinett Schreckliches gesehen hat, bereitet die kleine Adelaide (Madison Curry) ihren Eltern grosse Sorgen. In der Gegenwart zieht es die inzwischen erwachsene Ehefrau und Mutter (nun gespielt von Lupita Nyong’o) mit ihrem Gatten Gabe (Winston Duke) und ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) für einen Urlaub an eben jenen Ort zurück. Schon kurz nach ihrer Ankunft im Ferienhaus beschleicht Adelaide jedoch ein ungutes Gefühl, das sich in der ersten Nacht bewahrheitet. Plötzlich stehen vier unheimliche Gestalten vor dem Anwesen und verschaffen sich gewaltsam Zutritt. Was noch grauenvoller ist: Die ungebetenen Gäste sind den Wilsons wie aus dem Gesicht geschnitten.

In seinem zweiten Spielfilm als Regisseur und Drehbuchautor nimmt sich Jordan Peele ein klassisches – um nicht zu sagen ausgelutschtes – Motiv des Horrorkinos vor. Eine Familie will in einem Ferienhaus die Seele baumeln lassen, muss sich aber aus heiterem Himmel aggressiven Eindringlingen erwehren. Das bestens vertraute Muster des sogenannten Home-Invasion-Films erfährt durch das Auftauchen der Doppelgänger allerdings eine originelle Abwandlung, die handfestes Unbehagen erzeugt. Immerhin wird von einer Sekunde auf die andere die Identität der Protagonisten brüchig. Und noch dazu stellt sich die Frage, warum die in Rot gekleideten Ebenbilder in einen mörderischen Rausch verfallen.

Die bereits im Prolog wirkungsvoll aufgebaute Gruselstimmung entlädt sich nach dem Einbruch in das Haus der Wilsons auf fulminante Weise. Intensive und bizarre Gänsehautmomente sind garantiert. Wie in seinem Debüt füttert Peele seine Handlung jedoch ebenso mit witzigen Dialogen und Begebenheiten. Auch wenn die Komik in einigen Momenten vielleicht etwas zu stark in den Vordergrund drängt, verleiht sie dem Film eine eigenständige Note, die man in vielen anderen Horrorwerken vergeblich sucht.

Kritisieren könnte man, dass am Ende nicht alle Ideen sauber ineinandergreifen und der erschütternde Abschlusstwist fast ein wenig auf der Strecke bleibt. Die raffinierte Inszenierung, die suggestive Kameraarbeit, der clevere Musikeinsatz, die zahlreichen popkulturellen Anspielungen und der verrätselte thematische Unterbau machen Wir allerdings zu einem irritierend-faszinierenden Erlebnis. Hinter der vermeintlich schlichten Doppelgänger-Bedrohung breitet sich eine ambitionierte Auseinandersetzung mit den Konflikten und Ängsten der zerrissenen US-Gesellschaft aus, die nach dem Kinobesuch zu lebhaften Diskussionen animiert und den Wunsch nach einer zweiten Sichtung umgehend befeuert. Was will man von einem Horrorthriller mehr verlangen?

15.05.2019

4

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

dulik

vor 6 Monaten

Nach dem sehr gelungenen Regie-Debüt von Jordan Peele mit "Get out" war die Erwartungshaltung bei seinem nächsten Werk entsprechend hoch. Diese konnte er leider nur zum Teil erfüllen. Erneut wird der Gruseleffekt vorwiegend durch die Mimik der Hauptdarsteller und einem dominanten Soundtrack erzeugt. Manchmal gelingt das sehr gut, manchmal ist der Grat zwischen Horror und Witz aber zu schmal. Beispielsweise dann, als die Doppelgänger plötzlich tierartige Geräusche von sich geben. Wenn man am dann Ende auf die Auflösung der merkwürdigen Ereignisse hofft, wird der Film überraschend komplex, aber leider auch etwas wirr. Hier hätte eine einfachere Erklärung besser zum restlichen Streifen gepasst.
7/10Mehr anzeigen


flashgordon99

vor 7 Monaten

Schade, schade. Joran Peele produzierte mit „Get out“ einen coolen Film aber er trug mit „Wir“ einfach zu dick auf. Wollte wohl schnellst möglichst noch mehr Geld verdienen, weshalb das Drehbuch einfach zu wirr daherkommt. Die ersten 60 Minuten sind durchaus gelungen, machen Lust auf mehr. Danach ist es so als hätte während des Films der Regisseur und Drehbuchautor gewechselt. Leider die gute Ausgangslage nicht genützt. Zwar ist das Ende des Films unerwartet doch der Rest ab der Hälfte des Films, mit Ausnahme eben vom Ende, wirkt sehr zähflüssig, vorhersehbar, langweilig. Die Schminke von gewissen Leuten (ich möchte jetzt nicht Spoilern) ist ungefähr so gut wie bei einem Kindergeburtstag. Schlechte Besetzung der Nebenrollen.Mehr anzeigen


navj

vor 7 Monaten

Regisseur Jordan Peele scheint mit "Wir" einige Ideen zu viel gehabt zu haben, welche nicht stimmig untergebracht werden. Jedoch weist "Wir" eine einzigartige Balance zwischen Horror-Invasion-Terror, apokalyptischer Beklemmung, Humor und sozialem Kommentar auf.

Zuletzt geändert vor 7 Monaten


Mehr Filmkritiken

Le Mans 66: Gegen jede Chance

Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes

Joker

Das perfekte Geheimnis