Les Traducteurs Belgien, Frankreich 2019 – 105min.

Filmkritik

Auf Verbrecherjagd im Literatenreich

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Régis Roinsard lotet in seinem packenden Erpresser-Thriller das Funktionieren der heutigen Literaturszene aus.

Stolz kündigt der Verleger Eric Armstrong an der Frankfurter Buchmesse aufs nächste Frühjahr das Erscheinen des letzten Teils einer erfolgreichen Bestseller-Trilogie von Oscar Brach an. Um den Verkaufsstart global zu koordinieren, engagiert er neun Übersetzer und Übersetzerinnen, die das Buch in Klausur auf einem Landgut in Frankreich binnen zweier Monate in ihre Muttersprache übertragen sollen.

Obwohl die neun es seltsam empfinden, dass sie rund um die Uhr überwacht werden und absolut keinen Kontakt zur Aussenwelt pflegen dürfen, herrscht unter ihnen vorerst freudige Aufregung: Oscar Brach, der offensichtlich unter Pseudonym schreibt, wird rund um die Welt als Koryphäe gefeiert, und seine Worte zu übersetzen ist für jeden eine grosse Ehre. Tag und Nacht zusammen eingesperrt freundet man sich an und kommt sich allmählich näher.

Doch nach einigen Wochen tauchen im Internet die Übersetzungen der ersten zehn Seiten auf. Zugleich sieht sich Armstrong von unbekannter Seite mit millionenschweren Erpressungen konfrontiert und man droht, die gesamten Übersetzungen frei zugänglich online zu stellen.

Im Kern ist Les traducteurs ein klassischer Whodunit-Thriller, der – abgesehen von einigen Flashbacks – weitgehend in einem geschlossenen Raum spielt. Doch er handelt, und das macht ihn überaus reizvoll, auf dem Hintergrund der heutigen, seit der digitalen Wende zunehmend überhitzten Literaturszene, in der Bestseller-Autoren als Popstars gelten, und ihre Werke wie wertvolle Juwelen gehandelt werden.

Obwohl Oscar Brach eine Erfindung ist, und das Buch „Dädalus: Der Mann, der nicht sterben wollte“ nie geschrieben wurde, weist Les traducteurs denn durchaus Bezüge zur Realität auf. Régis Roinsard selber verweist in den Diskussionen um seinen nach Populaire zweiten langen Kinofilm auf Dan Browns Weltbestseller „Inferno“, den, wie damals verschiedentlich in der Presse zu entnehmen war, zwölf Dolmetscher in einem Bunker in Italien eingesperrt übersetzt haben sollen.

Les traducteurs ist mit Lambert Wilson als Armstrong sowie Schauspielgrössen wie unter anderem Olga Kurylenko, Riccardo Scamarcio, Eduardo Noriega, Sidse Babett Knudsen und Frédéric Chau in den Rollen der Übersetzenden hochkarätig besetzt. Das Erzähltempo ist rasant, der Soundtrack von Jun Miyake cool. Obwohl logisch nicht immer ganz alles aufgeht, gelingt es Roisnard, des Films letztes Geheimnis und damit auch die Spannung bis fast ganz zuletzt zu bewahren. Mehr kann man von einem guten Thriller nicht erwarten.

30.06.2020

4

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Kommentare

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sophiefisher

vor 21 Stunden

Als Übersetzerin war dieser Film für mich ein "muss" - ich war gespannt, wie welchen Nervenkitzel mein Beruf hergibt. Es ist ein gelungener Film voller Wendungen.

Anmerken möchte allerdings, dass sich in der Filmkritik von Irene Genhard zwei sachliche Fehler vorkommen. Der Verleger heißt Eric Angstrom, nicht Armstrong. Und bei Dan Brown werden es garantiert keine Dolmetscher, sondern Übersetzer gewesen sein, die sein Buch in Abgeschiedenheit in eine andere Sprache übertragen haben. Soviel Zeit für Sorgfalt muss sein.Mehr anzeigen


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