A white, white Day Dänemark, Island, Schweden 2019 – 109min.

A white, white Day

Filmkritik

In eruptiver Langmütigkeit der Gefühle

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Was der Verlust eines geliebten Menschen in einer Person auslöst, lässt sich in Worten kaum beschreiben. Der Isländer Hlynur Palmason erzählt davon in einem Film von grandioser Bildlichkeit.

Island, nebelverhangen. Ein PKW auf feuchtnasser Strasse. Die Kamera begleitet das Auto in minutenlanger Fahrt. „An Tagen, an denen alles weiss ist, so dass Himmel und Erde miteinander verschmelzen, können die Toten mit den Lebenden reden“, steht am Filmanfang. Das Auto kommt in einer Kurve von der Fahrbahn ab, durchbricht die Sicherheitsplanken, verschwindet im Nebel. Später erst sieht man Fotos vom Unfall.

Vorerst vergehen Tage und Nächte. Sonnige Tage und verhangene. Dunkle Nächte. Manchmal fällt Schnee, stürmt, regnet es. Die Einstellung, sie bleibt immer gleich, zeigt ein Haus im landschaftlichen Nirgendwo. Manchmal weiden vor dem Haus Pferde. Das Haus beginnt sich zu verändern, noch die ersten Menschen auftauchen: Ingimundur und seine Enkelin Salka. Er werde das Haus herrichten, erklärt er, der Endfünfziger, der Achtjährigen und zeigt ihr, wo ihr Zimmer sein wird. Später erklärt Ingimundur dem Psychiater, mit dem er als freigestellter Polizist wöchentlich ein Treffen hat, dass er auf dieses Haus zu bauen nicht verzichten kann.

Die Zeit, die für gewöhnlich Wunden heilt, lässt solche hier in Einöde und der Einsamkeit erst aufbrechen. Nach einer Weile – es können Tage, Wochen, Monate sein –, überreicht man Ingimundur bei einem Fest eine Schachtel mit persönlichen Utensilien seiner Frau, sie war Lehrerin, vielleicht Hortnerin. Eine Blusenschürze, einige Bücher, Fotos, eine Kamera: Spuren des Teils ihres Lebens, den sie ohne Ingimundur führte, und von dem ihm zu erzählen sie für nie nötig erachtete.

Bitter ist der Verdacht, der daraufhin in Ingimundur keimt. Intensiv das Gespräch mit seinem Bruder. Brodelnd die Gefühle, unerwartet die Heftigkeit mit welcher Ingimundur sich schliesslich Gewissheit verschafft über das, was er vielleicht gar nie wissen wollte.

Wie schon in seinem Erstling Winter Brothers (2017) erweist sich Hlynur Palmason als Meister einer erzählerischen Reduktion, die das Wesentlichste zwischen die Worte packt und ansonsten dem Verweilen der Bilder vertraut. Überhaupt ist A White, White Day ein Film übers Erzählen; am schönsten ist die Szene, in der Ingimundur Saka eine gänsehautgruselige Mär erzählt. Die Enkelin ist es auch, die Ingimundur unerschrocken und mit kindlicher Weltneugier durch die Phase des Trauerns begleitet und schliesslich mit ihm durch den Tunnel geht, in dessen Mitte das Echo nahtlos von Wutgeschrei in Lachen übergeht, bevor an dessen Ende das Licht des Ausgangs aufleuchtet. Stark.

30.09.2019

4.5

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