Touch Me Not Bulgarien, Tschechische Republik, Frankreich, Deutschland, Rumänien 2018 – 125min.

Touch Me Not

Filmkritik

Die Grenzen des Intimen

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Die Grenzen von Dokument und Fiktion verwischend fragt die Rumänin Adina Pintilie nach der Menschen Umgang mit Nacktheit und körperlicher Berührung.

Wo die Begegnung zweier Menschen ins Intime gerät, gehört die körperliche Berührung selbstverständlich mit dazu. Doch: „How do you feel right know?“ („Wie fühlst du dich gerade?“) wird in Touch Me Not wieder und wieder gefragt. Mal kommt die Frage von einem Kursleiter, der sie den – behinderten und nicht behinderten – Teilnehmenden eines Berührungsworkshops stellt, mal fragt ein Sexarbeiter seine Kundin. Immer mal wieder aber kommt sie von einer Stimme aus dem Raum. Diese gehört der Regisseurin Adina Pintilie, die sich in ihrem an der Grenze von Fiktion und Dokument verorteten Film immer wieder selber miteinbringt, in einer späten Szene gar tauscht sie ihren Platz hinter der Kamera mit demjenigen ihrer Protagonistin davor.

Angelegt ist Touch Me Not als Experiment, das auch eine Reflektion über filmisches Beobachten ist: Ziemlich zu Anfang wird eine Kamera aufgebaut, immer wieder finden Gespräche statt über das, was geschieht sowie den Einfluss, den die Kamera darauf hat. Das Geschehen entwickelt sich dabei vorerst auf verschiedenen Ebenen, bis sich die Wege der Protagonisten – in einem Swingerclub, auf der Strasse – zufällig zu kreuzen beginnen.

Im Zentrum steht Laura, eine Frau um die 50, beeindruckend und in ihren Emotionen stark gespielt von Laura Benson; dass alle Darsteller unter ihren eigenen Vornamen auftreten, weicht die Grenzen dieses Films, der nie deklariert, wo die Fiktion aufhört und das Dokument beginnt, zusätzlich auf. Einige Darsteller wie die Französin Laura Benson (Knock) und der Isländer Tómas Lemarquis (Blade Runner 2049) sind Schauspieler. Die meisten anderen sind Laien, die Figuren spielen, die ihrer Person sehr nahe kommen, so etwa die Transsexuelle Hanna (Hanna Hofmann), der Escort-Begleiter Seani (Seani Love) und der mit einer Muskelatrophie geborene Computerspezialist Christian (Christian Bayerlein).

Konkret zu sehen bekommt man, wie Laura in Begegnungen mit diversen Sexarbeitern ihre Berührungsphobie zu überwinden versucht. Im Zentrum des zweiten Settings stehen Tómas und Christian, die an einem Berührungsworkshop teilnehmen. Alle Beteiligten schildern immer wieder ihre meist alles andere als erotischen Gefühle, die sie dabei empfinden. Das ist anzuschauen und –hören alles andere als einfach, aber ungemein beeindruckend. Nicht zuletzt, weil dieser Film – sofern man sich darauf einlässt – auch die Zuschauer immer wieder auf sich selber zurückwirft.

26.11.2018

4

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