Loro Italien 2018 – 150min.

Loro

Filmkritik

Ein gewisser Silvio B.

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Paolo Sorrentino hat einen Film über das Leben von Silvio Berlusconi gedreht. In dessen Hauptrolle brilliert, unter dicker Maske kaum wiederzuerkennen, Toni Servillo.

Er heisst mit Vorname Silvio. Er ist superreich. Besitzt haufenweise Immobilien, mischt als Inhaber diverser TV-Sender die Medienlandschaft auf, hat eine Vorliebe für junge Frauen und betrachtet Italiens Politik als persönliche Spielwiese. Sein Nachname allerdings wird in Loro nie genannt, und zu Beginn des Films wird jede Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit dem Zufall verschrieben. nachdem er 2008 mit Il divo ein fulminantes Biopic über den umstrittenen Journalisten, Schriftsteller und Politiker Giulio Andreotti vorstellte, hat sich Paolo Sorrentino einen zweiten italienischen Staatsmann vorgeknöpft: Silvio Berlusconi, viermaliger Ministerpräsident, mächtiger Medientycoon, abgesehen davon berüchtigt-berühmt für seine Affären und prunkvollen Partys.

Gegen die 70 geht S. B. zu Beginn von Loro, man schreibt die Nullerjahre, er hat sich nach seiner dritten Amtszeit auf seinem Landsitz in Sardinien zurückgezogen. Ein bisschen tut er da, was alte Männer eben tun: Erklärt seinem Enkel die Welt, erinnert sich an die ersten Jahre mit seiner Gattin Veronica, versucht sentimental deren Gunst wiederzuerlangen, in intimen Momenten hadert er mit seinem nicht mehr ganz jugendlichen Aussehen und zweifelt an seiner geistigen Frische. Doch er ist noch nicht reif für den Ruhestand. Sein Appetit auf junge Frauen ist noch so wenig gestillt, wie seine Lust auf protzige Partys. Und bevor er vom politischen Parkett abtritt, will er sich und seinen Freunden und Feinden nochmals beweisen, wer S. B. ist – und beginnt seine vierte Amtszeit aufzugleisen.

Sorrentino hat Loro als bunten Bilderbogen aufgezogen, der wirr um seinen Protagonisten kreist: Wo S. B. nicht persönlich im Zentrum steht, wird von ihm gesprochen. Wie alle Sorrentino-Film ist auch Loro bestechend bilderprächtig und überrascht mit unvergesslichen Momenten: einem Schaf, das selbstbewusst in eine Villa eingedrungen eisgekühlt plötzlich umkippt, Ecstasy-Pillen, die während einer Pool-Party vom Himmel regnen; in einer der besten Szene schwatzt S. B. in einer schlaflosen Nacht einer Unbekannten am Telefon ein Luxusappartement auf. Doch so grossartig Loro im Einzelnen ist, als Ganzes findet er (zumindest in der gekürzten internationalen Fassung, die in der Schweiz ins Kino kommt) weder zu Kohärenz noch zu Stringenz. Und so ist Loro, trotz grossartigem Toni Sevillo in der Hauptrolle, einer von Sorrentinos schwächeren Filmen.

05.10.2018

3

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Kommentare

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Annemarie.Ulrich

vor 7 Tagen

Super film. Die Partyszenen am Anfang sind etwas zu lang geraten, aber der Rest ist sensationell!


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