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L'Apollon de Gaza Kanada, Schweiz 2018 – 78min.

L'Apollon de Gaza

Filmkritik

Ein Stück Geschichte zwischen Mysterium und Politikum

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

2013 wurde vor der Küste des Gaza-Streifens eine vermeintlich Jahrhunderte alte Apollo-Statue entdeckt, welche nach ihrem Verkaufsversuch auf Ebay weltweit Schlagzeilen machte, kurz nach ihrer Entdeckung jedoch wieder verschwand. Filmemacher Nicolas Wadimoff ist in den Gaza-Streifen und nach Jerusalem gereist, um in seiner Doku dem Mysterium rund um die ominöse Götterstatue auf den Grund zu gehen.

Es war ein Fischer, der die mehrere hundert Kilogramm schwere Statue vor der Küste des Gaza-Streifens im Wasser treibend entdeckt und diese in einer langwierigen Rettungsaktion schliesslich an Land gezogen hatte. Er habe zunächst gedacht, es handle sich um eine Leiche, gab er später zu Protokoll. Und so urplötzlich, wie der unglaubliche Fund aus dem Meer und schliesslich für den Preis von 500'000 Dollar auf Ebay auftauchte, so schnell war die Statue wieder verschwunden.

Bis heute wird gewerweisst, ob sie tatsächlich seit dem 1. oder gar dem 5. Jahrhundert vor Christus – auf diesen Zeitraum wird der Entstehungszeitpunkt der lebensgrossen Bronzefigur datiert – auf dem Meeresboden gelegen hat, ob es sich vielleicht um eine Fälschung handelt, und wo der wohl seltene archäologische Schatz abgeblieben ist: Bei Hamas-Rebellen, Bewohnern von Gaza, die noch immer auf ein Vermögen hoffen, oder wurde die Statue gar schon längst auf dem Schwarzmarkt verkauft? Rund um die legendäre Figur aus der griechischen Mythologie rankt sich deshalb ein ganz eigener, neuer Mythos.

Wadimoff ist zur Wahrheitsfindung in den Gaza-Streifen und nach Jerusalem gereist und lässt in seiner Doku die unterschiedlichsten Leute zu Wort kommen: Archäologen, Juweliere, Zeugen, welche die Statue mit eigenen Augen gesehen haben sollen, Geistliche, Personen, die angeblich wissen wollen, wo sich die Bronzefigur heute befindet, der Fischer, der die Statue an Land gezogen hat.

Während sich die Befragten in der ersten Hälfte des Filmes mit der Frage beschäftigen, ob die Statue überhaupt echt ist (Kritiker behaupten, es handle sich um eine rund 30-jährige Fälschung – darauf deutet zum Beispiel ihr Zustand hin), geht es in der zweiten Hälfte von L’Apollon de Gaza um das Auftauchen und Verschwinden derer. Vermutet wird zum Beispiel, dass die Statue eigentlich an Land gefunden wurde, über Umwege aber im Meer gelandet ist; faktischem Niemandsland mit ungeklärten Besitzverhältnissen.

Es ist ein faszinierender Gegenstand, den Wadimoff in seiner Doku ins Zentrum stellt. Denn mit der Thematisierung von ebendiesem tun sich zahlreiche spannende Themenbereiche auf, wie der Wert von archäologischen Funden, von Geschichte, welche die Gegenwart prägt, oder von Wahrheit, die auch immer ideologisch gefärbt ist. Denn der ominöse Apollo wurde schnell zum Politikum, das im krisengeprägten Gaza-Streifen die unterschiedlichsten Gemüter erhitzt.

Umso ärgerlicher ist es deshalb als Zuschauer, dass Wadimoff die portraitierten Personen nicht identifiziert. Hinsichtlich des politischen, religiösen oder beruflichen Hintergrundes eines Interviewten ergibt sich nur in seltenen Fällen aus dem Zusammenhang eine Erklärung. Schnell wird zwar klar, dass es die eine Wahrheit in diesem Fall nicht gibt – doch man bleibt mit dem Gefühl zurück, dass die Suche danach stringenter hätte ablaufen können. So bleibt in L’Apollon de Gaza letzten Endes ganz viel Mythos und wenig Wahrheit erhalten – ganz seinem faszinierenden Gegenstand verpflichtet, dessen Geschichte wohl noch längst nicht zu Ende geschrieben ist.

06.12.2019

3

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