CH.FILM

Immer und Ewig Schweiz 2018 – 90min.

Immer und Ewig

Filmkritik

Das Geheimnis einer Liebe

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Fanny Bräuning entdeckt auf einer mit ihrem Vater und ihrer gelähmten Mutter unternommenen Reise das Geheimnis derer aussergewöhnlichen Beziehung.

Als sie in einem Gespräch einmal den Begriff „schwerstbehindert“ verwendet habe, meint Fanny Bräuning in einer Erklärung zu ihrem Dokumentarfilm, sei ihr Vater in Rage geraten. Sie aber habe schlagartig begriffen, dass für den bald 70-Jährigen seine seit zwanzig Jahren gelähmte Frau keine Behinderte, sondern eine Lebenspartnerin ist. Das erhellende Gespräch findet sich in Immer und ewig nicht. Doch es umschreibt exakt, worum dieser im Kern genau kreist, nämlich die Frage um das Geheimnis der, wie man im Film staunend feststellt, tatsächlich aussergewöhnlichen Beziehung von Niggi und Annette Bräuning.

Um diesem auf die Spur zu kommen, hat sich die Tochter mit ihren Eltern auf Reise begeben. Zum einen physisch, indem sie ihre Eltern auf einer der vielen Reisen begleitete, welche sie in ihrem eigenhändig umgebauten Camper regelmässig unternehmen; dem Genre nach ist Immer und ewig ein dokumentarisches Roadmovie. Zugleich ist es aber auch eine Reise ins Innere ihrer Familie, auf welcher Bräuning als Regisseurin erforscht, was ihr aus Sicht der Tochter bisher zu sehen verwehrt war. Und so erfährt man als Zuschauer, derweil die Fahrt das Trio von der Schweiz nach Griechenland und über verschiedene Inseln und Italien wieder nach Haus führt, wie der Niggi, der sich mit seinen als Rheinschiffmatrose geschossenen Fotos für die Kunstschule bewarb, der streng erzogenen Annette neue Welten eröffnete. Wie das Paar in jungen Jahren zusammen die Welt eroberte, heiratete und zwei Kinder bekam. Wie sich Annettes Multiple Sklerose in sein Leben einschlich und wie Niggi, als Annette vor zwanzig Jahren in ein Koma fiel und daraus gelähmt erwachte, seinen Beruf als Fotograf an den Nagel hängte und fortan das gemeinsame Leben zu seiner Aufgabe machte.

Fanny Bräuning hat ihren zweiten Dokumentarfilm mit derselben Sorgfalt gedreht, wie ihren 2008 entstandenen Erstling No More Smoke Signals über den Kampf einer Gruppe engagierter Lakotas um den Erhalt ihrer indigenen Kultur. Ihre in Gesprächen mit den Eltern immer wieder auch ins Private der Regisseurin führende Recherche ist geprägt von Respekt gegenüber den Protagonisten, einer im Künstlerischen wurzelnden Gabe zur Beobachtung. Auf dass Immer und ewig über den familiären Ansatz hinausführend zum beeindruckenden Dokument einer Beziehung wird, die im Geist der Hippiezeit in stürmischer Verliebtheit geboren im Laufe der Jahre trotz körperlicher Beeinträchtigung des einen Partners zur letztlich in Achtung voneinander geprägten Zweisamkeit reifte.

28.01.2019

3.5

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Kommentare

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Chiara

vor 23 Tagen

beeindruckende Dok-Skills.


Yvo Wueest

vor 2 Monaten

Ist es ein Liebesfilm? Oder ein Film über die Liebe zum Leben? Vermutlich beides. Und dies auf eine eindrückliche und bemerkenswerte Art. Denn auch wenn sich vieles in diesem Film im Innern des umgebauten Camping-Bus abspielt -quasi ein Kammerspiel - erleben wir mit dem Ausblick auf die Mittelmeerlandschaft, gleichzeitig einen Roadmovie. Und staunen darüber, wie konsequent die beiden Protagonisten stets das gestalt- und machbare Leben suchen.Mehr anzeigen


Easy

vor 2 Monaten

Ein echtes Meisterwerk mit einer Botschaft für's Leben - berührend, stark und voller feinem Humor.


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