Greta Irland, USA 2018 – 98min.

Greta

Filmkritik

Die Psycho-Tante von nebenan

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Ehrlich währt am längsten: So wird es einem zumindest eingetrichtert. Auch Frances (Chloë Grace Moretz) hält sich in Greta an diesen Grundsatz und bringt eine in der New Yorker U-Bahn liegen gelassene Tasche ihrer Besitzerin zurück – eine ehrenhafte Tat, die sie wenig später aber bereuen wird…

Als Frances (Chloë Grace Moretz) in der New Yorker U-Bahn eine herrenlose Handtasche findet, packt die junge Frau die Neugier: Kurz vor dem Aussteigen nimmt sie das grüne, kastenförmige Leder-Accessoire mit – und bringt es anhand der Informationen aus der Tasche zur rechtmässigen Besitzerin zurück. Eine gewisse Greta Hideg (Isabelle Huppert), eine ältere Witwe mit breitem französischem Dialekt, öffnet ihr die Tür in einem idyllischen, leicht versteckten Hinterhof in Manhattan und bittet Frances vor lauter Dankbarkeit auf einen Kaffee herein. Greta entpuppt sich als einsame Witwe, die nebst ihrem geliebten Klavier nicht viel zu haben scheint – ihre Tochter musste sie nach Europa ziehen lassen, ihr Hund und ihr Mann sind schon länger verstorben. Frances, die selbst vor kurzem ihre Mutter verloren hat, entwickelt Mitleid mit der exzentrischen Frau – und händigt ihr kurzerhand ihre Handynummer aus.

Bei diesem ersten Treffen ahnt die blauäugige Frances – obwohl sich Greta auf komische Klopfgeräusche lauthals über ihre Nachbarn beschwert, die „seit Monaten am Umbauen“ seien – nicht, worauf sie sich eingelassen hat. Denn obwohl sie von ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Erica (Maika Monroe) gewarnt wird, trifft sie sich weiterhin mit Greta, die mit ihrer Hilfe sogar einen Hund adoptiert. Erst als sie beim gemeinsamen Kochen bei der Witwe zu Hause in einem Schrank diverse Versionen der gleichen Tasche – versehen mit Post-Its und Namen darauf – entdeckt, dämmert es ihr: Greta legt die Taschen als Köder überall in der Grossstadt aus, um ihrer Einsamkeit zu entkommen. Frances täuscht Übelkeit vor, flieht Hals über Kopf und will nichts mehr mit der verrückten Frau zu tun haben.

Regisseur Neil Jordan, der zusammen mit Ray Wright auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert mit Greta einen Thriller, der mit fortschreitender Handlung zunehmend mit komödiantischen Einstreuungen und Horrorelementen angereichert wird. Mit Momenten, in denen Greta – typisch Stalker – urplötzlich vor dem Restaurant steht, in dem Frances arbeitet, und sich nicht von der Stelle rührt, schafft er es auch, ein gewisses Kribbeln zu entfachen. Die volle Ladung Spannung bleibt dem Zuschauer aber erspart – ein ziemlich vorhersehbares Szenario verhindert hier leider die volle Ausschöpfung der Ausgangslage, die eigentlich mit viel Potential daherkommt. Auch gibt es im Strudel von Vorkommnissen, die Frances immer verzweifelter werden lassen, einige sich widersprechende, unlogische oder gar unglaubwürdige Dinge – und Gretas Hintergrundgeschichte verhindert dies weder, noch trägt sie zu mehr Spannung bei.

Chloë Grace Moretz gibt sich als gutgläubiges, naives junges Ding mit oft weit aufgerissenen Rehaugen sichtlich Mühe, ihrer Rolle gerecht zu werden – schlussendlich ist es aber die Französin Isabelle Huppert, die den Wandel von der vereinsamten und besorgten Ersatz-Mutter zur durchgeknallten Psycho-Tante nahtlos hinbekommt und einem an der einen oder anderen Stelle mit ihrem starren Blick einen Schauer über den Rücken laufen lässt: Ihre Performance haucht dem Mystery-Thriller eine unabdingbare Prise Grusel ein – ein Umstand, der Greta für Fans des Genres trotz Makeln absolut sehenswert machen könnte.

09.05.2019

3

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Kommentare

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nick74

vor 4 Stunden

leider nein, schwach und blass, daher nur 2 sterne


julio68

vor 10 Tagen

Kein Hollywood Film.
Dies merkt man am Text.
Wir nie im TV vor 23:00 zu sehen sein.


Taz

vor 10 Tagen

Thriller von der Stange, der hauptsächlich von Isabelle Huppert lebt. Überraschungen sucht man aber vergebens. Das hätte besser sein sollen!


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