Der Fall Collini Deutschland 2018

Der Fall Collini

Filmkritik

In Schweigen gehüllt

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Ferdinand von Schirach schrieb mit dem Justizdrama «Der Fall Collini» 2011 einen Bestseller, der nun, knapp 8 Jahre später, mit Elyas M’Barek als unerfahrener Anwalt in der Hauptrolle, in die Kinos kommt.

Caspar Leinen (Elyas M’Barek) hat sich seinen ersten Fall als frischgebackener Anwalt etwas anders vorgestellt: Er soll die Pflichtverteidigung des 70-jährigen Italieners Fabrizio Collini (Franco Nero) übernehmen, der bereitwillig zugibt, den Industriellen Hans Meyer erschossen zu haben – sich ansonsten aber in Schweigen hüllt. Noch verzwackter wird der Fall, als Leinen herausfindet, dass der Star-Anwalt Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) die Verteidigung übernimmt, und das Opfer der Grossvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara) ist, der ihn wie ein Ersatzvater in der Familie aufgenommen hat. Nun setzt er alles daran, Collinis Tat nachvollziehen zu können – und stösst auf ein dunkles Geheimnis, das eine weitaus grössere Tragweite hat, als man dies zunächst hätte ahnen können…

Der Fall Collini spielt zu einem grossen Teil im Gerichtssaal und ist damit ein historisch angehauchter Justiz-Thriller: Viele Rückblenden und Zeitsprünge erklären den Kontext – zum einen Leinens Beziehung zur Familie des Ermordeten, zum anderen Collinis Beweggründe für seine Tat. Für Der Fall Collini wechselt der vor allem für Komödien bekannte Elyas M’Barek in der Hauptrolle als naiver, unerfahrener Anwalt in ernstere Gefilde – und gibt sich neben einem absolut überzeugenden Franco Nero keine Blösse: Der türkischstämmige Österreicher passt absolut in seine Rolle und beweist, dass er auch dramatische Töne anschlagen kann. Dass die Dramatik im deutschen Thriller zuweilen fast ein bisschen überwiegt, dafür sind dann auch weniger die Schauspieler – auch Alexandra Maria Lara schlägt sich als Jugendliebe Johanna ordentlich – als eher die Tonalität des Filmes verantwortlich, der zwar passend düster und relativ clean gefilmt ist, in gewissen Szenen mit allzu emotionalem Score oder dramatischem Setting (zum Beispiel die Aufnahmen aus dem Gefängnis, das einem Weinkeller gleicht) aber den Wunsch aufkommen lässt, die Macher hätten sich etwas mehr an die zurückgenommene Romanvorlage gehalten.

Während Ferdinand von Schirachs fesselnder Roman relativ nüchtern, fast schon trocken daherkommt und keinerlei überflüssige Details enthält, ist die Geschichte im Film von Regisseur Marco Kreuzpaintner rund um den schweigsamen Italiener, der aus dem Nichts – während 30 Jahren in Deutschland gab es keinen Vorfall – einen Grossindustriellen tötet, mit neuen Figuren und geänderten Fakten angereichert. Die Spannung, welche die Geschichte mit dem langsamen Aufdröseln der Beweggründe und Geschehnisse aufbaut, mindert das jedoch keineswegs: Insbesondere, weil man auch als Kenner des Romans hie und da überrascht wird – und die Ausmasse der Geschehnisse auf Grossleinwand fast noch mehr zu schockieren wissen als in Textform. Alles in allem ist Der Fall Collini damit trotz Schwächen ein sehenswerter deutscher Thriller, der wohl auch Liebhaber des Bestsellers von sich überzeugen kann – insbesondere, weil er es schafft, ein skandalöses Kapitel deutscher Justizgeschichte mit der angemessenen Tragweite aufzuschlagen.

15.05.2019

3.5

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Kommentare

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maege70

vor 24 Tagen

Absolut sehenswerter Film der zum Nachdenken animiert - Geschichtsunterricht für jedermann!
Und Elyas M'Barek mal in einer ernsthaften Rolle - die er sehr glaubwürdig darstellt. Heiner Lauterbach übertrifft ihn allerdings um Längen - unglaublich wie wandelbar dieser Schauspieler ist!


jung

vor einem Monat

Elyas M'Barek überraschend gut, Lauterbach ohnehin.


Taz

vor einem Monat

Schwere Kost, ansprechend gespielt - benötigt aber Sitzfleisch.


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