Tiger Girl Deutschland 2017 – 90min.

Tiger Girl

Filmkritik

Voll auf die Zwölf

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Die Berlinale ist immer wie ein großes Familientreffen – alle Generationen sind da und jeder will beim Festmahl seine Geschichten erzählen. Natürlich hat dabei jeder seinen eigenen Stil: Der lustige Onkel, der jedes Detail noch ein bisschen verrückter ausschmückt, die Oma, die immer sehr weit ausholt und sehr langsam erzählt und der melancholische Schwager, der zu häufig auf die Tränendrüse drückt. Und dann gibt es noch den jungen Cousin, der ohne zu schlafen und mit Restalkohol im Blut zu spät bei der Feier auftaucht und mit seiner sehr direkten und lockeren Art ein paar Verwandte vor den Kopf stößt. Zum letzteren Schlag gehört auf der Berlinale der neue Film von Regisseur Jakob Lass.

Dabei geht es um zwei ungleiche junge Frauen: Margarete ist bei der Polizeiprüfung durchgefallen und macht deshalb erstmal eine Ausbildung beim Sicherheitsdienst – denn das höfliche und schüchterne Mädchen will auf jeden Fall einen sozialen und sinnvollen Job machen. Doch dann trifft sie Tiger, die das komplette Gegenteil von ihr ist. Tiger ist wild, laut und nimmt sich, was sie will. Die beiden jungen Frauen befreunden sich, und schon bald wird aus Margarete die schlagkräftige Vanilla. Zusammen mit Tiger macht sie ab sofort in Security-Uniform die Strassen Berlins unsicher, aber schon bald laufen die Dinge aus dem Ruder...

Mit Love Steaks wurde Regisseur Jakob Lass zum Mitbegründer der deutschen Mumblecore-Bewegung, jetzt hat er auf der Berlinale seinen neusten Film Tiger Girl vorgestellt. Und der ist ein Feuerwerk an Coolness geworden. Im Vorfeld war die Skepsis groß, als bekannt wurde, dass Tiger Girl in Koproduktion mit Constantin Film gedreht wird, viele witterten den Ausverkauf des "jungen Wilden" an den Mainstream – nicht unbegründet, schließlich ist das oft genug auch schief gegangen. Glücklicherweise ist dies bei Tiger Girl nicht der Fall, auch wenn man dem Film sein größeres Budget ansieht.

Doch trotzdem ist der Film das Paradebeispiel für wildes, junges, deutsches Kino. Hier gibt es auf allen Ebenen ordentlich was auf die Mütze, vor allem von den beiden toughen Protagonistinnen. Und auch wenn die Bilder auf Hochglanz gebürstet sind, hier dominieren Street Credibility, anarchischer Humor und dreckige Härte. Seit Thelma und Luise hat man nicht mehr so coole Freundinnen gesehen, so viel Lässigkeit ist im deutschen Film nicht selbstverständlich. Dass Lass dabei auf jegliche Psychologisierung verzichtet und der Film auch zum Ende hin ein wenig ins Schlingern gerät, darüber kann man großzügig hinwegsehen. Denn Tiger Girl hat eine Attitüde und eine Haltung – eine Kombination, die man leider viel zu selten antrifft!

14.03.2017

4

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