CH.FILM

Tiere Österreich, Polen, Schweiz 2017 – 95min.

Filmkritik

Natürliche Irritationen

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Glaubt man dem Bonmot der Regiegarde, ist es am schwierigsten, mit Kindern oder Tieren einen Film zu drehen. Andererseits sind Tiere immer ein Publikumsgarant, sei es in der familienfreundlichen Version wie Free Willy oder Ein Hund namens Beethoven oder in der Horrorvariante wie Der weiße Hai, Cujo oder Zombiber. Regisseur Greg Zglinski schlägt sich mit Tiere auf die dunkle Seite des Tierfilms, auch wenn der Horror hier letztlich von menschlichen Kräften herrührt.

Nick und Anna sind ein Paar - doch ihre Beziehung hat Risse bekommen, denn Nick hat eine Affäre mit Nachbarin Andrea. Also beschließen sie, zusammen auf eine abgelegene Hütte in den Schweizer Bergen zu fahren, um dort ein paar Monate kreativ zu arbeiten. Er möchte Rezepte der lokalen Küche sammeln, sie möchte ein paar Kapitel ihres neuen Buches schreiben. Und ganz nebenbei soll die gemeinsame Auszeit vom Alltag ihre Liebe wieder kitten. Doch kurz vor der Abfahrt stürzt sich Andrea aus dem Fenster. Ein schlechtes Omen? Auf dem Weg in die Schweiz überfahren sie auf der Landstrasse ein Schaf, Anna trägt vom Unfall eine leichte Kopfverletzung davon. Oder ist die Verletzung doch gravierender als angenommen? Denn es passieren immer seltsamere Dinge und Anna beginnt, an ihrem Verstand zu zweifeln.

Tiere ist ein perfides Spiel mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers, ein Labyrinth aus Symbolen und Vorzeichen. Die titelgebenden Tiere sind dabei immer der Einbruch des Unwägbaren in die scheinbar sichere Realität. Hier übernimmt die Natur die Kontrolle über die Kultur, das mühsam errichtete Gerüst der Sicherheit wird Stück für Stück zerlegt. Anfangs sind es nur Schreckmomente, doch schon bald werden die Vertreter der Fauna zu Weggabelungen, an denen sich die Geschichte aufteilt. Denn es häufen sich die schrägen Situationen, das Personenkarussell weist untereinander immer absurdere Parallelen auf und die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit wird immer brüchiger.

Genüsslich verschiebt Zglinski erst die Zeit-, und dann die Raumebenen, bis die Erzählstränge wie ein Möbiusband miteinander verknüpft sind. Das man als Zuschauer dennoch nicht verloren geht, liegt an Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair, deren grandioses Spiel einen mit lustvoller Irritation durch den Film leitet. Und so ist Tiere ein ebenso faszinierender wie beunruhigender Film, fernab von klassischem Horror.

04.10.2017

4

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