Ryuichi Sakamoto: Coda Japan 2017 – 100min.

Ryuichi Sakamoto: Coda

Filmkritik

Musikalisches Schaffen als Quell des Lebens

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Manche Menschen arbeiten, um zu überleben, andere leben, um zu arbeiten und dabei Grosses zu erschaffen. Ryuichi Sakamoto gehört ohne Frage zu Letzteren.

Ryuichi Sakamoto ist ein japanischer Musiker, Komponist, Produzent und Schauspieler, der immer wieder durch sein politisches Engagement und seine nie enden wollende Suche nach dem einen Ton, den das menschliche Ohr noch nie zuvor gehört hat, für Aufmerksamkeit sorgt. Mit dem Filmporträt Ryuichi Sakamoto: Coda wirft Regisseur Stephen Nomura Schible das Scheinwerferlicht auf eine vier Jahrzehnte umspannende Karriere, einen Schicksalsschlag und das unaufhaltsame Streben eines Künstlers, der sich immer wieder neu erfindet.

Ryuichi Sakamoto kann auf eine eindrückliche Laufbahn zurückblicken: Nur wenige Künstler können ein vergleichbar vielseitiges Œuvre vorweisen. So leistete der Oscar-Preisträger als Mitglied des «Yellow Magic Orchestra» Pionierarbeit im Bereich der elektronischen Musik und steht ausserdem hinter experimentellen Rock-Alben sowie zahlreichen klassischen Kompositionen bis hin zu rund 30 Filmscores und wegweisenden Ambient-Aufnahmen.

2014 wird Sakamoto schliesslich mit einer Hiobsbotschaft konfrontiert: Bei ihm wird Mundrachenkrebs diagnostiziert, was ihn zum allerersten Mal zu einer längeren Schaffenspause zwingt. Doch lange können ihn die Ärzte nicht von seiner Passion abhalten. Es fällt ihm zunehmend schwerer, der Musik fernzubleiben – und dann geschieht das Unausweichliche: Der erkrankte Komponist erhält einen Auftrag, den er nicht ablehnen kann. Regisseur Alejandro González Iñárritu bittet ihn darum, den Score zum Survival-Thriller The Revenant zu schreiben, der Sakamoto sein Lebenswerk weiterführen lässt.

Über fünf Jahre hinweg begleitete Stephen Nomura Schible den Komponisten mit der Kamera. In seinem Film führt er mit Konzertausschnitten und Aufnahmen Sakamotos an einer Demonstration gegen den Atomausstieg Japans, im Wald auf der Suche nach dem perfekten Klang oder reminiszierend bei sich zu Hause vor, wie der Komponist zum Leben steht, was seine Inspirationsquellen sind und wie er komplexe Klanglandschaften zum Leben erweckt. Ganz im Stil Sakamotos glänzt Nomura Schibles neuester Film mit Vielseitigkeit und greift dabei die unterschiedlichsten Themen auf: Die Politik Japans, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt oder der Umgang mit Schicksalsschlägen sind hierbei nur einige Beispiele, die in Kombination mit Kompositionen Sakamotos zum Nachdenken anregen. Unterlegt mit seinen Werken, werden zahlreiche Aufnahmen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten des Künstlers zusammen mit Interviewpassagen nicht nur zu einer aussagekräftigen Dokumentation über sein Schaffen, sondern zu einer Reflektion über das Leben an sich.

Ryuichi Sakamoto: Coda ist nicht nur für Fans des Künstlers eine eindrückliche Dokumentation über den kreativen Prozess Sakamotos, sondern auch ein inspirierendes Filmporträt, das vor allem jene Zuschauer anspricht, die sich mit der Lebenseinstellung des Komponisten identifizieren können: Die Verinnerlichung eines ständigen Strebens nach Verbesserung und Weiterentwicklung und ein dadurch entstehender Antrieb Tag für Tag sein bestes zu geben.

10.09.2018

4

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