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Lasst die Alten sterben Schweiz 2017 – 91min.

Lasst die Alten sterben

Filmkritik

Die Sinnsuche der Generation „Social Media“

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Max ist ein verbitterter junger Mann, der von der reizüberfluteten Social-Media- und Überfluss-Gesellschaft gelangweilt ist. Um ein Zeichen gegen Konsumwahn zu setzen, gründet er eine Kommune und will eine neue Bewegung anführen. Lasst die Alten sterben ist ein intensiver, vielschichtig gespielter Mix aus Generationen-Porträt und Tragikomödie.

Kevin (Max Hubacher) hat eigentlich alles, was sich ein junger Mann wünschen kann: Er lebt in gut situierten Verhältnissen, hat Freunde und einen positiven Bescheid von der Kunsthochschule. Dennoch fühlt er sich leer. Kevin will sich auflehnen, seinen Freunden geht es ähnlich. Doch gegen was? Sie entschließen sich, eine Kommune nach dem Vorbild der 80er-Jahre zu gründen. Und wenden sich gegen Kapitalismus, Gesellschaft und Konsum.

Lasst die Alten sterben ist das Spielfilmdebüt von Regisseur und Drehbuchautor Juri Steinhart. Er studierte in Luzern Design und Kunst, anschießend absolvierte er an der Zürcher Hochschule der Künste ein Filmstudium.

Kevin steht stellvertretend für die heutige Generation „Social Media“. Junge Menschen, deren Alltag nicht selten von der Flut an Social-Media-Posts bestimmt wird. Toll ist, wie Steinhart die mediale Reizüberflutung im Film visualisiert: Chat-Protokolle zwischen Max und seinem Kumpel erscheinen da zum Beispiel im Sekunden-Takt im Bild. Daneben sieht man, welche Fotos Max gerade auf Facebook postet. Sie erscheinen in kleinen Kästen auf der Leinwand.

Welche Bedeutung Max den sozialen Medien beimisst wird im Film unter anderem klar, als man seine Reaktion auf eine geringe Anzahl an „Likes“ für sein Oben-Ohne-Bild sieht. Mehr Daumen nach oben als dieses Foto erhielt nämlich ein Handybild, das Max‘ Erbrochenes nach einem Diskotheken-Besuch zeigt: Sein Gesichtsausdruck, als er dies realisiert, spricht Bände.

Max Hubacher als verbitterter Teenager, der sich vor lauter Freizeit und Freiraum verloren fühlt, ist eine Wucht - vor allem seine Wutausbrüche gehen unter die Haut und zeugen von einer entwaffnenden Leidenschaft und Kraft, die er in sein Spiel legt. In einer der intensivsten Szenen zertrümmert er das komplette elterliche Wohnzimmer, das garantiert nicht billig war.

Der Film ändert seinen Ton mit Gründung der Kommune. Dann gewährt Steinhart dem Zuschauer immer wieder auch heitere, amüsante Momente. Etwa beim Casting, wenn Max und seine Freunde neue Mitglieder rekrutieren – und auf so manch einen Paradiesvogel treffen. Lasst die Alten sterben macht im weiteren Verlauf deutlich, welch schweren Stand revolutionäre Kräfte auch heute noch in der Gesellschaft haben. Seit den 80er-Jahren hat sich diesbezüglich also scheinbar nicht wirklich etwas verändert: Eine wichtige, aber auch ernüchternde Erkenntnis.

10.10.2017

4

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Kommentare

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Yvo Wueest

Wut, Leidenschaft, Kraft... mir gefiel dieser rasante Streifen und das Spiel von Max. Den das Schicksal in eine Zeit schickt, in dem jung und alt ständig wie Zombies auf ihre Smartphones starren und „Likes“ statt für schöne Oberkörper noch lieber für frisch Erbrochenes verteilen.

Genial die Szene, wo das verd... Ding mit Schwung an die Wand kracht.

Wer beim „SFR-Experiment Schneuwly“ lachte und dem Protagonisten „Hansjörg“ zustimmte, für solche Produktionen gerne Billag-Gebühr zu entrichten, zahlt hier freigebig den Kinoeintritt für sich und Freunde, um Juri Steinharts starkes Spielfilmdebüt in der Gruppe und voller Länge geniessen zu können.

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