CH.FILM

Der Unschuldige Schweiz 2017 – 114min.

Der Unschuldige

Filmkritik

…Und plötzlich reissen alle Stricke

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Simon Jaquemet hat schon mit seinem Erstling Chrieg ein für Schweizer Verhältnisse ungewohnt heftiges Leinwandwerk vorgestellt. Sein zweiter Spielfilm kreist nun um die Seelenzustände, die eine Frau durchlebt, als ihr wegen Mordes verurteilter Ex-Freund nach zwanzig Jahren Knast frei kommt.

Ruth hat es sich im Leben gemütlich eingerichtet. Sie arbeitet in einem neurologischen Forschungslabor, ist glücklich verheiratet und hat zwei Töchter im Teenageralter. Die Familie wohnt in einem Einfamilienhaus in einer Kleinstadt im Schweizer Mittelland und ist Mitglied einer Freikirche. Ruth aber hat auch schwierige Zeiten erlebt. Ihr Ex-Freund Andi wurde in einem Indizienprozess des Mordes für schuldig befunden und musste ins Gefängnis. Eine Weile noch hat man sich geschrieben, irgendwann ist der Kontakt abgebrochen. Doch nun soll Andi entlassen werden und das beschäftigt Ruth. Dies umso mehr, als sie nicht weiss, was damals wirklich geschah und nicht sicher ist, ob sie Andi nicht jüngst auf der Strasse gesehen hat.

Sie kramt in Keller alte Fotos, Briefe, die Aufzeichnung einer TV-Sendung hervor und bittet einen Anwalt, der Sache nochmals nachzugehen. Ihre Ruhe findet Ruth deswegen allerdings nicht. Sie fühlt sich verfolgt, bricht im Gottesdienst zusammen, Mit Hilfe des Predigers rappelt sie sich wieder auf. Funktioniert weiter als Mutter und Gemahlin, assistiert bei einer Affenkopf-Transplantation. Doch als im Wald hinter dem Haus eine Leuchtrakete zum Himmel steigt, ist Ruth überzeugt, dass Andi ihr ein Zeichen schickt. Und dann sitzt dieser, obwohl in der Zeitung stand, dass er inzwischen in Indien ums Leben gekommen sei, eines Tages auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer…

Der Basler Simon Jaquemet hat 2014 mit Chrieg, seinem Drama um vier Jugendliche, die in einem Erziehungscamp in den Alpen wüst aus dem Ruder laufen, einen für Schweizer Verhältnisse ungewohnt heftigen Film vorgestellt. Mit Der Unschuldige setzt er nun noch einen drauf. Indem er die Handlung des vermeintlich den dokumentarischen Realismus pflegenden Dramas nahezu unmerklich ins (Alp-)Traumhaft-Phantastische führt und dabei dem Zuschauer ebenso wie der Protagonistin zunehmend die Realitätsreferenz entzieht. Er spielt dabei mit Versatzstücken des Erotik- und Psychothrillers ebenso, wie er – etwa mit einer kruden Teufelsaustreibung – Kritik an der wahnhaften Gesellschaft von heute übt. Mit Judith Hofmann, welche die schwierige Rolle einer sich zunehmend im Wahn verlierenden Wissenschaftlerin souverän meistert, ist Jaquemet mit Der Unschuldige kein einfacher, aber ein faszinierender Schweizer Film geglückt.

29.10.2018

4

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Kommentare

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Sandra71

vor 3 Tagen

Der Film hat mich in keiner Weise angesprochen, ich denke, nur Menschen, die in irgend einer Weise noch eine Rechnung offen haben mit religiösen Themen, können dem vielleicht noch etwas abgewinnen (?) - ansonsten sehe ich keinen Mehrwert, wenn man ihn gesehen hat, bedrückend, langatmig, die Figuren bleiben bis zum Schluss fremd. Ein akkurates Bild der hieisigen Freikrichen zeichnet er auch nicht.Mehr anzeigen


JJVOB

vor 7 Tagen

Richtig oberflächlicher Film. Extreme Klischee's werden aufgegriffen.
Themenmässig echt viel Konfliktstoff vorhanden, was nicht unbedingt realistisch ist: Tierversuche, sexuell Ausschweifungen, Exorzismus, öffentlich praktizierter Zungengesang, Wahnvorstellungen, psychische Zusammenbrüche, manipulierender Kirchenführer. Für mein Geschmack übertrieben.Mehr anzeigen


Tina-Meier

vor 9 Tagen

Was für ein Schrottfilm. Der Film bearbeitet verschiedene Themen, aber so oberflächlich und ohne die wahren menschlichen Bedürfnisse und Gefühle zu erfassen. Selten ein so schlechter Film gesehen.


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