Neruda Argentinien, Chile, Frankreich, Spanien, USA 2016 – 107min.

Neruda

Filmkritik

Poetische Jagd

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Mit gleich zwei eher unkonventionellen Biopics ist der chilenische Filmemacher Pablo Larraín Anfang 2017 in den Kinos vertreten. In Jackie porträtiert er das Befinden der First Lady in den Tagen nach der Ermordung ihres Mannes John F. Kennedy, während Neruda einen kurzen Abschnitt aus dem Leben des titelgebenden Nobelpreisträgers in Form eines schelmischen Kriminaldramas untersucht.

Chile im Jahr 1948: Als der kommunistische Senator und berühmte Schriftsteller Pablo Neruda (wunderbar charismatisch: Luis Gnecco) in einer Brandrede den Präsidenten Gabriel González Videla (Alfredo Castro) für dessen Unterdrückungspolitik kritisiert, verliert er seine Immunität und sieht sich plötzlich mit einem Haftbefehl konfrontiert. Gerade rechtzeitig kann der poetische Lebemann mit seiner Partnerin Delia del Carril (Mercedes Morán) im Untergrund verschwinden und liefert sich fortan ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem ehrgeizigen Ermittler Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal), der ihn im Auftrag der Regierung zu Fall bringen soll.

Dass Larraín (El Club) kein stur faktenbasiertes Biopic im Sinn hat, lässt schon der Off-Kommentar erahnen, der das Geschehen von Anfang an begleitet. Die Stimme, die mal bewundernd, mal spöttisch über den Titelhelden spricht, gehört dem Polizisten Peluchonneau. Einer fiktiven Figur, die einem klassischen Kriminalroman entstiegen sein könnte. Jenem Genre, das Neruda gerne las. Die amüsant inszenierte Jagd nach dem umtriebigen Schriftsteller, der seinem Verfolger mehrmals ein Schnippchen schlägt, ist gespickt mit literarischen Bezügen und präsentiert sich auch formal äußerst verspielt. Über den Bildern liegt ein Schleier. Rückprojektionen sind deutlich als solche zu erkennen. Bestimmte Dialoge setzen sich fort, während die Handlungsorte wechseln. Und der spürbar überhöhte Showdown findet in einer wuchtigen, leicht unwirklich anmutenden Schneelandschaft statt.

Bei aller Lust am Fabulieren zeichnen der Regisseur und Drehbuchautor Guillermo Calderón zugleich ein komplexes Charakterbild des späteren Nobelpreisträgers, der einen ausschweifenden Lebensstil problemlos mit kommunistischen Überzeugungen verbindet. Spannende Brüche tun sich mehrfach auf. Etwa dann, als eine Frau aus dem Volk den abgetauchten Neruda an seine privilegierte Position erinnert. Und schön pointiert nimmt der Film den Rechtsruck in den Blick, der das Andenland Ende der 1940er Jahre zu einem gefährlichen Ort für linksorientierte Menschen machte. Unbehagen erzeugt vor allem eine kurze Szene, in der Larraín durch das Auftreten Augusto Pinochets auf die 1973 anbrechende Militärdiktatur verweist. Ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte Chiles.

15.02.2017

4

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Kommentare

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Yvo Wueest

vor 2 Jahren

Gefragt, was er vom sogenannt starken Mann im Weissen Haus hält, antwortete der Regisseur Pablo Larraín kürzlich in einem Interview: “Trump has the nuclear codes and the US army. What do we have? A camera. And I’m going to use it,”

Genau dies hat der Chilene im neuen und sehenswerten Film über seinen Namensvetter Pablo Neruda getan. Doch wie nähert man sich einem längst verstorbenen Künstler, einem in ganz Lateinamerika verehrten Poeten, einer Ikone, die viele schon zu kennen glaubten?

In dem er die Zuschauenden auf eine rasante, gewagte Fahrt, ähnlich einer Reise mit dem Schnellzug, mitnimmt. Mit Gael García Bernal in der Rolle des Inspektors, zeigt er uns die wechselhafte Geschichte des Senatoren, Kommunisten und Snob Pablo Neruda. Auf eine völlig neue, lehrreiche und auch filmtechnisch ungewohnte und doch stets unterhaltsame Art.Mehr anzeigen


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