A Most Violent Year Vereinigte Arabische Emirate, USA 2014 – 125min.

Filmkritik

Ein ehrenwerter Mann

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

"Hinter jedem großen Vermögen steckt ein Verbrechen." Fast hat es den Anschein, als wolle J. C. Chandor Balzacs berühmtes Bonmot widerlegen, das dem Romanklassiker „Der Pate“ vorangestellt ist. Jener wirkmächtigen Gangstersaga, die den amerikanischen Traum und einen pervertierten Unternehmergeist seziert. Auch das atmosphärische Milieudrama A Most Violent Year taucht in die Untiefen des Kapitalismus ab, handelt allerdings von einem aufstrebenden Geschäftsmann, der den Erfolg seiner Firma mit weitestgehend legalen Mitteln sichern will.

New York, 1981: Ehrgeizig arbeitet der Einwanderer Abel Morales (Oscar Isaac) am Ausbau seines Heizölunternehmens, das er seinem kriminellen Schwiegervater vor einigen Jahren abgekauft hat. Ein großer Grundstücksdeal soll den endgültigen Durchbruch am umkämpften Markt bringen, ist jedoch mit finanziellen Risiken verbunden. Zusätzliche Kopfschmerzen bereiten dem auf Rechtschaffenheit pochenden Abel die Ermittlungen eines umtriebigen Staatsanwalts und die ständigen Überfälle auf seine Heizöltrucks, mit denen die Mitwerber – so vermutet er – ihn entscheidend schwächen wollen. Da sich Abels Frau und Geschäftspartnerin Anna (Jessica Chastain) zunehmend bedroht fühlt, kommt es zwischen den Ehepartnern immer öfters zum Streit.

Der Titel des Films – das sollte man gleich erwähnen – schürt bewusst falsche Erwartungen. Wer hier auf eine gewaltdurchtränkte Unternehmergeschichte hofft, wird schnell eines Besseren belehrt. Regisseur und Drehbuchautor Chandor, der sich bereits in seinem Debütwerk Margin Call mit dem Haifischbecken Kapitalismus befasste, nutzt das laut Kriminalstatistik rekordverdächtige Jahr 1981 bloß als bedrohlichen Hintergrund, der bevorzugt über dramatische Meldungen im Radio präsent ist. Gleichwohl sind der Verfall und die Misere deutlich zu spüren – etwa in den erdfarbenen Bildern, die an das Kino der 1970er Jahre erinnern, oder den vielen heruntergekommen Handlungsorten, denen jeglicher New-York-Glanz abgeht.

Inmitten dieses trostlosen Settings kämpft der aufrichtige Abel um die Ausweitung seiner Geschäfte, was Chandor interessanterweise nicht als spannungsgeladenen Thriller inszeniert. Vielmehr bestimmen Diskussionen, Verhandlungen und kleine Winkelzüge den äußerst bedächtig erzählten Film. Eine Strategie, die zur Folge hat, dass sich die Figuren bei ihren Gesprächen einige Male im Kreis drehen und die unheilvoll brodelnde Stimmung zuweilen etwas abflaut. Bedauerlich ist auch, dass das sorgsam ausgestattete Drama trotz starker Darstellerleistungen am Ende zu wenig aus den familiären Konflikten herausholt.

14.04.2015

3

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

8martin

vor 8 Monaten

Anfangs scheint der Titel nur ironisch gemeint, bis wir merken, dass in der Branche auch mit eisernen Bandagen gekämpft wird. Abel Morales (Oscar Isaac) hat ein Unternehmen zur Lieferung von Heizöl. Aus ersten Nadelstichen wird Gewalt. Daraus resultiert ein Klima der Angst, als seine Kinder mit einbezogen und seine Fahrer angegriffen werden. Das endgültige Aus ist aber die Ablehnung eines Kredites durch die Bank. Jetzt wird es etwas unübersichtlich, wenn sich Abel von mehreren Stellen Geld borgt, auch von Verwandten. An der Lockenpracht erkennt man z.B. Juden. Im Grunde kämpft er gegen eine unbekannte Macht wie Don Quichote. Der Selbstmord eines kriminellen Fahrers vor seinen Augen verschlimmert Abels Situation weiterhin. Aber die wahren Hintermänner kriegt er nicht zu fassen. Geschäfte werden nur unter Männern gemacht. Seine Frau Anna (Jessica Chastain) wartet draußen. Dabei hat sie noch ein fünftes As im Ärmel. Sie hat Geld auf die hohe Kante gelegt. Geheim, nicht ganz legal. Abel akzeptiert es und ist plötzlich alle Sorgen los. (Ein ‘Lourdes-Effekt‘). Jetzt kann er – klingt fast wie Hohn - mit dem Polizeichef Lawrence darüber trefflich philosophieren, dass er ehrlich bleiben will und immer war und in der nahen Zukunft zu einer einflussreichen Persönlichkeit wird.
Wenn man sich die Darstellerliste anschaut, könnte man meinen, Regisseur Chandor hat Halb Südamerika für diesen Film engagiert (über 40Akteure). Konnte sie im Film gar nicht alle entdecken.Mehr anzeigen


Janissli

vor 5 Jahren

Bis zum Schluss wartet und hofft, dass noch etwas passiert... leider kommt nichts mehr.
Dennoch spannend.


Barbarum

vor 5 Jahren

Wenngleich die Geschichte vor allem in der ersten Hälfte schleppend erzählt wird, kann man trotzdem nicht sagen, dass etwas davon obsolet wäre. Aus einer glaubhaft lebensnahen Situation heraus schafft es Chandor auch hier wieder ordentlich Spannung und Dramatik zu erzeugen.


Mehr Filmkritiken

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

The Duke