Faust Russische Föderation 2011 – 134min.

Filmkritik

Demagoge auf Nahrungssuche

Filmkritik: Andrea Wildt

Der russische Regisseur Alexander Sokurov beendet seinen Zyklus über Männer und Macht mit dem universellen Klassiker deutscher Literatur. Frei nach Motiven aus Goethes "Faust" erzählt er in quadratisch flachen Bildern von einer lüstern morbiden Sinnsuche mit offenem Ende.

Die Welt in Sokurovs Faust ist marode. Von der göttlichen Vogelperspektive auf die Erde geht es in den ersten Minuten des Films direkt in den toten Körper: Faust (Johannes Zeiler) ist in den Innereien einer Leiche auf der Suche nach der menschlichen Seele. Aber er findet sie nicht. Sein Gehilfe Wagner (Georg Friedrich) munkelt, sie befände sich vielleicht doch in den Füssen. Da kitzle es immer, wenn die Gefühle kommen. Wenig später setzen bei Doktor Faust die Sinne ein: Sein Innerstes meldet Hunger. Die Suche nach etwas Essbaren bringt ihn zum Pfandleiher (Anton Adasinskiy), der ihn ins Frauenbad und in die Weinschenke schleppt.

Die Bestimmung erfüllt sich auch bei Sokurovs "Faust"-Version: Der rastlose, lebensmüde Wissenschaftler entdeckt die Liebe und ist bereit für eine Nacht mit der Angebeteten seine Seele zu verkaufen. Aber tragisch ist das bei Sokurov nicht. Die Liebesnacht vollführt sich, aber Fausts Macht- und Wissensdurst ist damit noch lange nicht gestillt. Nach über zwei Stunden morbiden Verwirrspiels antwortet er "Weiter, nur weiter!" auf die Frage Margarethes (Isolda Dychauk) aus dem Jenseits, wohin er denn strebe.

Alexander Sokurovs Faust-Interpretation wird definitiv als eine der originellsten in die Filmgeschichte eingehen. Denn der russische Regisseur schafft es, dem Stoff eine Vision zu geben. Dafür wählt er ein unbequemes Format: Im quadratischen 1,37:1 Bildausschnitt lässt er sein Publikum wie durch ein Fernrohr in eine wahrlich andere Welt blicken. In Sepia-Braun- und Grüntönen präsentiert sich dort ein Ort, irgendwo im Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts. Enge Gassen, verwinkelte Häuser und undurchsichtige Wege der Protagonisten machen schon die einfache räumliche Orientierung schwer. Dazu wird der fast ausschliesslich deutsche Text durch Verdopplung der Stimmen unnatürlich verstellt. Der permanente Wechsel von den inneren Stimmen der Protagonisten zu zum Teil sehr surrealen Dialogen erschwert das Verständnis, verleiht dem Film aber eben auch seine sehr besondere Stimmung, und erzählt verführerisch morbide zugleich von körperlichen Bedürfnissen wie dem leidvollen Lebensschmerz.

Verstörend und grotesk präsentiert Sokurov seinen Faust, der sich durch Grossaufnahmen von Gedärmen, Leichen, Geschlechtsteilen und enge Passagen wie Lebensansichten zwängt. Dabei wandelt die Stimmung des Films beständig zwischen metaphysischer Sinnsuche und profanen Leibesbedürfnissen wie Hunger, Sex und Stuhlgang. Mal sanft pathetisch, mal beschwingt poetisch entgleitet der Goethe-Text hier ins abgründig Ironische. Das Morbide verwandelt sich bei Sokurovs Faust aber gelegentlich auch ins unsagbar Schöne. Die wenigen stillen Momente des Films zwischen Faust und Margarethe geben sich ganz dem Gefühl der beiden hin. Da sind die Bilder bei Sokurov purer Ausdruck. In Goldfarbe getunkter Zustand, der nicht nach Sinn sucht. Ein leuchtender Juwel in der sonst düsteren Sinnsuche eines gehetzten Mannes.

16.12.2013

5

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