CH.FILM

Corpo celeste Frankreich, Italien, Schweiz 2011 – 100min.

Filmkritik

Firmung und Formung

Filmkritik: Eduard Ulrich

Die italienische Filmemacherin Alice Rohrwacher begleitet in ihrem impressionistischen Erstling die 13-jährige Marta bei ihrer Vorbereitung auf die Firmung. Marta ist nach 10 Jahren Schweiz mit ihrer Mutter und ihrer großen Schwester nach Süditialien zurückgekehrt. Zu den Umgewöhnungsschwierigkeiten gesellt sich das pubertäre Aufbegehren gegen gesellschaftliche und familiäre Zwänge. Rohrwachers Bilder kontrastieren landschaftliche Schönheit und gestalterisch desolate Siedlungs- und Verkehrszonen, ihre authentischen Darsteller fesseln allerdings mehr als der Handlungsbogen.

Die Firmung ist so etwas wie der Fahrausweis für Katholiken. Keine Prüfung ohne Unterricht, kein Fahrausweis ohne internationale Anerkennung. Das ist wichtig für die 13jährige Marta, die mit ihrer Mutter und ihrer großen Schwester aber ohne Vater von der Schweiz in den Heimatort ihrer Mutter umgezogen ist. Dass die Eltern sich getrennt haben, kann man nur vermuten.

Dies bleibt wie so manches Andere unausgesprochen, die Regisseuse liebt Ellipsen. Anfangs ist die dreiköpfige Rumpffamilie noch bei Verwandten untergebracht, später hat sie eine eigene Wohnung, ohne dass dies thematisiert oder gar die Wohnungssuche und der Umzug gezeigt würden. Auch die Besuche des Firmunterrichts werden nur punktuell gezeigt. Offensichtlich ist aber, dass an diesem Unterricht die Moderne spurlos vorbeigegangen ist. Da scheint der Firmunterricht in der Schweiz ganz anders gelagert gewesen zu sein, und seine Qualität wird denn auch gehörig angezweifelt, scheint doch diese junge Auslandsitalienerin zuwenig Respekt vor der Institution und der Lehrerin zu haben.

Marta, ein in sich gekehrtes Mädchen, wird wohl eher von ihren pubertären Hormonschüben zur Aufmüpfigkeit angestachelt als von Disziplindefiziten des Schweizer Firmunterrichts. Auch wenn diese wichtige Fase in Martas Leben den roten Faden liefert, so nutzt Rohrwacher die Konstellation zu einer kritischen Darstellung der Kirche, stellt ihr aber auch ein positives Gegenbild gegenüber, das aber im Kontext der Aussichtlosigkeit präsentiert wird.

Überhaupt darf man der Regie attestieren, dass es ihr gelingt, mit organisch aus der Situation entwickelten Bildern starke symbolische Wirkung zu erzielen. Die Besetzung komplementiert diese Qualität: Der Sigrist scheint ein Halbbruder Quasimodos zu sein, der zwar nur halb so schlimm aussieht, dessen Seele aber im Gegensatz zu seinem Scheinverwandten bestens zu seinem Äußeren passt. Der Pfarrer ist ein eleganter Schönling in den allerbesten Jahren, dessen halbherzige, aber aalglatte Karriereversuche nicht mit seinem sozialem Umfeld harmonieren.

17.04.2012

3

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