Der letzte schöne Herbsttag 2010 – 86min.

Filmkritik

Zwei deutsche Stadtneurotiker

Geri Krebs
Filmkritik: Geri Krebs

Nach seinem Erstling, der Speed-Dating-Komödie "Shoppen", zeigt Ralf Westhoff die schiere Unmöglichkeit des Beziehungslebens zwischen zwei sympathischen Grosstadtmenschen, die beide ein bisschen durchgeknallt sind. Das ist simpel, tiefsinnig, witzig und hat ein hohes Identifikationpotential.

Claire (Julia Koschitz) und Leo (Felix Hellmann) sind beide Ende 20, leben in München und bewegen sich in der Szene der Lockeren und Unangepassten. Leo arbeitet in einer Art Bio-Laden, Julia studiert irgendetwas, doch das ist nicht von Bedeutung. Wichtig ist, dass die beiden irgendwann ein Paar sind. Aber eigentlich wollen sie das gar nicht. Denn erstens ist so eine Zweierkiste unheimlich anstrengend. Und zweitens sind sich die beiden ziemlich sicher, dass sie im Grunde genommen gar nicht zusammen passen.

Julia ist Hypochonderin und überzeugt, dass sie irgendwann eine schwere Krankheit haben werde, die man zu spät entdeckt; Leo ist Pessimist, neigt zu Pedanterie und weiss immer genau, was andere gerade in ihrem Leben falsch machen. Trotz solcher Macken handelt es sich bei beiden um zwei äusserst liebenswerte Zeitgenossen, und man wünscht sich während des ganzen Films nichts mehr, als dass sie es doch zusammen schaffen mögen. Warum sie es nicht aushalten miteinander, erzählen sie ausführlich in gefaketen Interviews, die einen ohnehin schon dialoglastigen Film noch wortreicher machen. Doch das stört in keiner Weise, "Der letzte schöne Herbsttag" wirkt in seiner spröden und minimalistischen Machart wie eine Antithese zu einer romantischen Komödie, und er ist einer jener (Beziehungs-)Filme wo trotz des "They-Are-Just-Talking" nie der Eindruck eines bebilderten Hörspiels aufkommt.

Dass dies so gut funktioniert, hängt vor allem mit einem hoch entwickelten Sinn für Dynamik, Zeitgefühl und Rhythmus zusammen, dann aber auch mit Dialogen, die voller Wortwitz, präzise und gestochen scharf sind und in keinem Moment gekünstelt wirken. Diese Qualitäten hat Regisseur Ralf Westhoff bereits in seinem Erstling "Shoppen" (2007) bewiesen, wo es um neun Frauen und neun Männer an einem Speed-Dating ging. In gewisser Hinsicht ist "Der letzte schöne Herbsttag" so etwas wie Fortsetzung und Verdichtung jenes fulminanten Debüts über das seltsame Paarungsverhalten neurotischer Grosstadtmenschen. Sowohl mit dem Protagonistenpaar Julia Koschitz und Felix Hellmann wie auch mit den Nebendarstellern Katharina Marie Schubert und Leopold Hornung hat Westhoff bereits in "Shoppen" zusammengearbeitet und dabei gezeigt, wie gut er exzellente (Theater-)Schauspieler zu führen versteht.

15.11.2010

4

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Kommentare

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anabah

vor 9 Jahren

Der Film hat mir ganz gut gefallen, besser als "Shoppen". Separate Interviews mit den Hauptdarstellern wechseln sich ab mit der eigentlichen Handlung. Einzig die Art von Leo hat mich etwas genervt, vorallem seine übertriebene Mimik und Gestik sowie der Dialekt. Er war mir nicht gerade symphatisch. Anders Claire: Die ziemlich durchgeknallte Dame (erst auf den zweiten Blick ersichtlich) ist eine richtig tolle Erscheinung (super gespielt von J. Koschnitz). Sehr empfehlenswert!Mehr anzeigen


caravaggio

vor 10 Jahren

genial. unterhaltsam, witzig.. mit einer erfrischender leichtigkeit und trotzdem tiefe. modernes deutsches kino at its best.


naniinan

vor 10 Jahren

Dialoge sind teils unterhaltsam. Das Ganze zieht sich jedoch in die Länge. Und meine Kollegin ist eingeschlafen...


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