Alice im Wunderland USA 2010 – 108min.

Filmkritik

Jenseits von Hut und Böse

Dimitrios Athanassiou
Filmkritik: Dimitrios Athanassiou

"Alice im Wunderland" bevölkert seit fast anderthalb Jahrhunderten die Kinderzimmer. Doch selbst in der Erwachsenenwelt genießt Lewis Carrolls Werk Kultstatus - der verqueren Logik wegen. Jetzt hat sich Tim Burton des Klassikers angenommen.

Kaum ein anderer Schauspieler ist eine derart feste Größe bei Burtons Filmen wie Johnny Depp. Ehrensache, dass es bei "Alice im Wunderland" auch Arbeit für ihn gab, diesmal als irrer Hutmacher. Der weitere Cast kann sich aber ebenfalls sehen lassen: Anne Hathaway als «weiße Königin» sowie Alan Rickman, Michael Sheen, Stephen Fry und Christopher Lee als Sprecher der animierten Figuren - zu genießen in der englischen Originalversion.

Lewis Carrolls Story gleicht einer surrealen Reise in eine bizarre Anderswelt, und mit Tim Burton wurde der Richtige gefunden, sie filmisch umzusetzen. Das regelrecht psychedelische Potpourri der Einfälle und das knallige animatorische Feuerwerk lassen sich aber nur schwer in Worte fassen. Ähnlich wie es James Cameron in "Avatar" darum ging, eine komplett "außerirdische Welt" zu erschaffen, visualisieren sich hier Dimensionen komplett verdrehter Logik, absurder Proportionen und freakiger Figuren, wie sie nur in der kindlichen Phantasie vorstellbar sind. Nicht umsonst zählt die Buchvorlage in England zu der sogenannten "Nonsense Literature".

Diese Absurdität, die im Buch besonders die Dialoge kennzeichnet, fängt Burton erstaunlich gut ein. Er hat das in hintergründiger Komik geschriebenen Pamphlet gegen das viktorianische Königshaus, das Justizwesen sowie die zeitgenössische Erziehungs- und Sittennorm zu einer Coming-of-Age-Story geformt, in der Alices Selbstfindung im Mittelpunkt steht und sich ihre reale Lebenswelt in Teilbezügen im «Wunderland» spiegelt, das jetzt sinnbildlich für Alices Unterbewusstsein «Unterland» heißt.

Johnny Depp brilliert dabei wie gewohnt. Dramaturgisch wie erzählerisch bleibt der Film aber insgesamt schwach. Besonders die Realwelt kommt zu kurz, was dem Sinnstreben Alices im wirklichen Leben deutlich mehr Tiefe und dem Film auch eine ausgewogenere Dynamik hätte verleihen können. Damit beschränkt sich der Unterhaltungscharakter nahezu auf 3D-Berieselung, das Bestaunen absurder Figuren mit sonderbaren Persönlichkeitsticks, Slapstickeinlagen und markigen Onelinern, wie dem ewigen «Runter mit dem Kopf», aus dem Mund der «Roten Königin». Alles in allem ist «Alice im Wunderland» somit zwar sehenswert, aber außer für hartgesottene Burton-Fans kein Muss.

02.02.2011

3

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Kommentare

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cathline2

vor 5 Jahren

War begeistert von den Bildern und wie die Geschichte von Lewis Caroll umgesetzt wurde. In meiner Kindheit beim Lesen des Buchs hätte ich es mir nicht besser vorstellen können.


gella

vor 5 Jahren

Viele beeindruckende Bilder entschädigen für einige inhaltliche Längen


MrsStraciatella

vor 6 Jahren

Sehr gelungene Version dieses Kinder-Klassikers! Gut ausgewählte Besetzung und tolle Musik!


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