CH.FILM

Bird's Nest - Herzog & de Meuron in China Schweiz 2008 – 88min.

Bird’s Nest - Herzog & de Meuron in China

Filmkritik

Pokerrunden ums Olympiastadion

Filmkritik: Eduard Ulrich

Als das Basler Architekturbüro "Herzog & de Meuron" den Wettbewerb um das Olympiastadion in Beijing gewann, war das der Höhepunkt ihrer internationalen Erfolgsgeschichte. Dass danach der Kampf erst richtig anfing, zeigen Christoph Schaub und Michael Schindhelm in ihrer aufwendigen Dokumentation.

Das Olympiastadion in Beijing ist nicht nur eines der "grössten Bauprojekte der chinesischen Neuzeit" (O-Ton Film), es ist auch ein politisches Prestigeprojekt, das hohe internationale Aufmerksamkeit geniesst. Parallelen zu vergangenen Diktaturen, die die Olympischen Spiele oder die Architektur als Demonstrationsplattform missbrauchten, liegen auf der Hand, denn das chinesische Regime wird jährlich wegen seiner Menschenrechtsverletzungen an den Pranger gestellt.

Dieser Problematik sind sich sowohl die beiden Regisseure Christoph Schaub und Michael Schindhelm als auch die beiden Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron bewusst, was eine der Qualitäten dieses Dokumentarfilms ausmacht, der vier Jahre lang den vorolympischen Hürdenlauf des Architektenduos bis zur Bauabnahme im Dezember 2007 begleitete. Komplementär wird auch ein Projekt in der 3-Millionen-Stadt Jinhua vorgestellt, wo ein ganzes Stadtquartier für mehrere 10'000 Bewohner von Grund auf entworfen und vielleicht einmal realisiert wird.

In beiden Projekten zeigt sich die besondere Qualität des Basler Architekturbüros, das jeden Auftrag ohne vorgefasste Meinungen frisch angeht und zuerst den kulturellen Kontext erforscht, um eine zu den gesellschaftlichen und architektonischen Rahmenbedingungen passende Lösung zu finden. Neben den obligaten Bildern vom Baufortschritt, die oft mit einer fragwürdigen Musik unterlegt sind, kommen chinesische Partner, kulturelle Brückenbauer und die beiden Architekten mit Kommentaren und Meinungen ausführlich zum Zuge.

Der ehemalige Schweizer Botschafter in China, Uli Sigg, vermittelte den Kontakt zum berühmten Konzeptkünstler Ai Wei Wei, der durch seine Menschenembryo-Möwen-Kombination in einer Berner Kunstausstellung auch in der Schweiz Furore machte und erstaunlicher- wie passenderweise selbst Architektur studiert hat. Ein kritischer chinesischer Architekturprofessor gibt den Advocatus Diaboli: Er bemerkt, dass Politiker sich gern ein architektonisch spektakuläres Denkmal setzen, das dann aber ungewollt sogar für internationale Architekten oft skurril wirke. Der mit dem SF ko-produzierte Film kann ästhetisch diese Nähe zum Konkurrenzmedium leider nicht leugnen, das Resultat kann sich aber sehen lassen, wenn man die schwierigen Drehbedingungen in Beijing berücksichtgt.

06.07.2009

4

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Kommentare

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Gelöschter Nutzer

vor 10 Jahren

Ich finde den Film sehr spannend, interessant und äusserst sehenswert.
Man erfährt viel über China, über Peking und die Stararchitekten Herzog und de Meuron.


ylena

vor 10 Jahren

Also die Szene, wo der Architekt De Meuron verzweifelt wie ein kleiner Bub für den Spatenstich nach einer Schaufel schreit ("I'm the architect! ") und die zehn Chinesen fröhlich den Sand schippern - das ist ja zum Totlachen! Schade, dass man schlussendlich im Film nicht das fertige Stadion sieht...Mehr anzeigen


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