CH.FILM

Viaggio a Misterbianco Schweiz 2003 – 90min.

Filmkritik

Italien ohne Italianità

Filmkritik: Senta van de Weetering

Der in der Schweiz lebende Auslanditaliener Paolo Polini will sein Heimatland kennenlernen. Er bereist es mit der Kamera in der Hand und strengen Vorgaben, die dem Zufall Tür und Tor öffnen und gleichzeitig helfen sollen, Klischees zu umgehen. Auf diese Weise platzt er in Situationen und Ortschaften, die jeweils schon allein spielend Stoff für einen ganzen Dokumentarfilm hergäben, doch reist er immer (zu) schnell weiter.

Paolo Polini beginnt seine Reise nach Italien am Brenner und mit einem Off-Kommentar, in dem er seine Absicht erklärt. Diese Stimme begleitet einen durch den ganzen Film und hält den Regisseur und sein Projekt präsent. Das ist störend, da die Themen und Menschen, die Polini begegnen, interessanter sind als seine etwas verkrampfte Suche nach einem Italien ohne Italianità.

Da ist als erstes eine von Arabern besetzte Kirche in Mailand. Die Wogen unter der Bevölkerung gehen hoch, es wird mitten auf der Strasse lebhaft diskutiert, viele fühlen sich herausgefordert, ihre Meinung in die Gegend zu schreien oder der Kamera mitzuteilen. Spontan entstehen wunderbare Szenen. Schade, dass Polini sein Projekt nicht bereits in diesem Moment über den Haufen wirft und bleibt. Stattdessen sucht er weiterhin Italien im ambitionösen Gesamtblick statt im spannenden Detail. So reist er weiter ohne der Kirchenbesetzung und den Ausbrüchen, die sie provoziert, weiter nachzugehen.

Auch die nächsten Stationen, ein Dorf in den Bergen, ein Fischerort, Neapel und schliesslich das titelgebende Nest namens Misterbianco wecken mehr Neugier, als der Film befriedigen kann. So bleibt es bei oft eindrücklichen Bildern, wie dem eines Tintenfischs, der auf dem Fischerboot zertreten wird, einer Nonne, die erzählt, sie habe eigentlich nie in dem Dorf, in dem sie da gelandet ist, missionieren wollen, eines Junkies, der in Neapels Strassen umherirrt, oder des sizilianischen Bürgermeisters, der darum kämpft, dass Bauverordnungen eingehalten werden.

Vor allem aber bleibt der Eindruck, dass Poloni über die Schwierigkeiten stolpert, die seinem Konzept eingeschrieben sind: Einerseits soll es dem Zufall alle Möglichkeiten offen lassen, andererseits lässt es ihm doch nicht genügend Raum, sich frei zu entwickeln.

25.05.2021

3

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Kommentare

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petdz

vor 18 Jahren

Die Menschen im Film sind lebendig, spontan und umwerfend.


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