CH.FILM

Fremds Land Schweiz 2003

Fremds Land

Filmkritik

Aus Lungern in die weite Welt

Filmkritik: Senta van de Weetering

Das Erstaunliche an "Fremds Land" ist, dass der Film überhaupt zustande gekommen ist, dass da einer mit wenig mehr als 200'000 Franken nicht irgendeinen, sondern auch noch einen historischen Film auf die Beine gestellt hat, dessen Schauplätze vom Russlandfeldzug Napoleons bis in die amerikanische Prärie reichen. Luke Gasser – verantwortlich für Produktion, Drehbuch, Regie, Musik, und die Darstellung der Hauptrolle – erzählt vom Innerschweizer David, der nicht ganz freiwillig sein Heimatdorf Lungern verlässt und zuerst Krieger, dann Trapper wird.

1812. Die Schweizer Behörden werden unter Druck gesetzt: Napoleon braucht Kanonenfutter für seinen Russlandfeldzug. Der Feldherr verlangt von der Eidgenossenschaft Soldaten und verleiht der Forderung Nachdruck mit der Drohung, das Land zu besetzen. Mit der Hilfe von fiesen Tricks und Intrigen gelingt es, die gewünschte Armee zusammenzustellen. Zu den Zwangsrekrutierten gehört auch David aus Lungern (Luke Gasser). Er ist einer von 12'000 Männern, die aus der Schweiz nach Russland ziehen und einer von 700, die zurückkommen. Verspätet allerdings, und zu spät: Seine Braut hat einen anderen geheiratet und das Gefühl, hier daheim zu sein, will sich nicht mehr einstellen.

So zieht er weiter, nach Amerika. Auch das Schicksal als Auswanderer teilt er mit unzähligen Schweizern, die im 19. Jahrhundert ihre Heimat, die sie nicht ernähren konnte, verliessen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angelangt, zieht David nach Westen, wo er als Jäger lebt und nochmals eine historische Begegnung hat: Er trifft auf den Schweizer Maler Karl Bodmer, der im 19. Jahrhundert mit Bildern und Geschichten seiner Reisen Bekanntheit erlangt hat.

Luke Gasser forscht mit dieser Geschichte seinen eigenen Ahnen nach. Männern und Frauen, die in einer Zeit lebten, als die Schweiz noch nicht Ein-, sondern Auswanderungsland war; der Staat bot damals den Emigrationswilligen finanzielle Unterstützung an, um möglichst viele loszuwerden. Auch Gassers David profitiert bei seiner Ausreise davon.

Am eindrücklichsten gelingen Gasser nicht die - durchaus bemerkenswerten - amerikanischen Landschaftsbilder, sondern die Szenen aus dem Russlandfeldzug. Dass keine Heere zu sehen sind, die aufeinander losgehen, dürfte dem Geldmangel geschuldet sein. Gasser allerdings weiss davon zu profitieren: So entstehen Szenen, die in einem verschneiten Niemandsland spielen, ohne je grössere geografische Zusammenhänge zu liefern – was wiederum ein sehr genaues Gefühl für die Orientierungslosigkeit der Soldaten vermittelt.

Die Handlung um David behält bis zum Schluss etwas Beliebiges, eine Szene folgt der anderen ohne zwingenden Grund, und der ganze Film wirkt dadurch etwas handgestrickt. Gleichzeitig ist aber die Energie spürbar, die hinter dem ganzen Projekt steht, und nur schon deshalb behält man das Interesse an dem Film – wenn auch nicht unbedingt an seinen Figuren.

10.03.2003

3

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Kommentare

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twocat

vor 12 Jahren

Luke Gasser hat mit diesem Werk einen Film geschaffen, der absolut sehenswert ist. Gemessen an den finanziellen Mitteln ist der Film sehr gut.


zuri

vor 15 Jahren

Eine neue Art Film, ein Soundmovie lässt unsere Geschichte lebendig werden und öffnet den Blick für all die Einwanderer in unser Land in der heutigen Zeit. Eine gewagte, spannende Mischung zwischen Laientheater und Videoclip im Schnitt und der Kameraführung und einem poetischen, langen, fast langweiligen Schluss, der einem das Fremd sein eindrücklich erleben lässt.Mehr anzeigen


zuri

vor 15 Jahren

Eine neue Art Film, ein Soundmovie, lässt unsere Geschichte


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