In stürmischen Zeiten Frankreich, Grossbritannien 2000 – 100min.

Filmkritik

Überleben, irgendwie

Filmkritik: Senta van de Weetering

Sally Potter erzählt eine Geschichte von Aussenseiterinnen, die der Zufall und ihr Wille zum Überleben in der Welt herumtreibt. Im Zentrum steht die russische Jüdin Fegele (Christina Ricci), die in den zwanziger Jahren als Kind allein nach England verschlagen wird. Als Erwachsene findet sie in Paris Arbeit in einem Cabaret und in der Russin Lola (Cate Blanchett) eine Freundin. Die beiden schlagen sich in der Theaterszene durch, als Statistinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen. Bis der Einmarsch der Deutschen sie noch einmal vertreibt.

Fegele wird, kaum in England angekommen, in Suzie umbenannt. Nicht nur der Name wird ihr genommen, sondern auch die Sprache: ErzieherInnen und LehrerInnen verbieten ihr, Jiddisch zu reden. Sie lernt zwar Englisch, spricht aber wenig. Lola dagegen redet ununterbrochen. Die Emigrantin ist fest entschlossen, das Beste aus ihrem Leben zu machen - was für sie bedeutet, einen Mann zu finden, der ihr möglichst viel Luxus bieten kann. Ihr Ehrgeiz kommt auch Suzie zu Gute, denn jeden neuen Job angelt sie gleich für beide.

Liebe und Hass

Als die Freundinnen bei einem Fest den Sänger Dante Dominio (John Turturro) hören, sind beide fasziniert. Lola von seinem Erfolg, Suzie von seiner Stimme. Während Lolas Interesse bestehenbleibt und bald auf Gegenseitigkeit beruht ("Es gibt Regeln, wie man einen Mann an sich bindet", erklärt sie der Freundin), legt sich Suzies Begeisterung bei näherer Bekanntschaft; zu sehr ist der Tenor von sich selber eingenommen, zu unbekümmert äussert er seine Sympathie für Mussolini.

Die Aussenseiterin verliebt sich stattdessen in einen Aussenseiter: Cesar (Johnny Depp) ist Zigeuner; als Pferdeführer arbeitet er mit seinem Schimmel ebenfalls als Statist. Sehr zum Unbehagen von Dominio, der seinen Auftritt durch das Pferd konkurrenziert sieht. Zu Recht: Besagter Schimmel wagt es vor aller Augen, während des Schluss-Cs einer Tenorarie einige Äpfel auf die Bühne fallen zu lassen. In dem Streit zwischen dem Sänger und dem Zigeuner verteidigt Suzie ihren Geliebten und zieht sich so Dominios Hass zu.

Die Feindschaft zwischen dem Tenor und der Statistin könnte sich in Intrigen und Wortgefechten austoben - wären da nicht die politischen Ereignisse. Der zweite Weltkrieg ist bereits im Gange, die Deutschen rücken näher. So tödlich ein Sieg der Faschisten für die Jüdin wäre, so sicher würde der Sieg der Alliierten für den Sänger das Ende seiner Karriere bedeuten. Und weil Erfolg sein Leben ist, geht es für beide um Leben und Tod.

Liebe zum schönen Schein

Sally Potter liebt Pomp und Glamour. So ist es naheliegend, dass sie ihre Handlung zu einem grossen Teil im Theatermilieu ansiedelt. Zwar ist nicht alles Gold, was dort glitzert und glänzt, aber eine schöne Fassade gibt es allemal her. Der Zigeuner mit den wehenden Haaren macht auch Eindruck, wenn er nachts auf seinem Pferd durch Paris nach Hause reitet. Und das Diadem schmückt auch noch, wenn die Vorstellung vorbei ist. Die italienischen Tenorarien geben der Bildpracht einen würdigen musikalischen Rahmen.

Diese Opulenz überdeckt fast, worum es Sally Potter eigentlich geht. Das Thema des Films sei, so die Regisseurin, das Überleben und die Überlebenden. Nur: wie real die Gefährdung des Lebens ist, geht in all dem schönen Schein oft unter.

Dagegen haben die SchauspielerInnen anzukämpfen. Christina Ricci, die Rotzgöre aus "The Opposite of Sex", zeigt als Suzie, dass sie auch über Leinwandpräsenz verfügt, wenn sie schweigt und beobachtet. Auch Johnny Depp als Zigeuner Cesar redet wenig; sein Talent allerdings ist an eine Rolle mit Dekorationszweck verschenkt, während sich John Turturro als männliche Diva nach Belieben produzieren darf. Trotz Staraufgebot und Pomp wirkt der Film oft blutleer, solange nicht Cate Blanchett als Lola die Szene mit ununterbrochenem Geplapper füllt. Nur schon dafür lohnt sich der Kinobesuch.

10.11.2020

3

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Kommentare

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movie world filip

vor 10 Jahren

depp auch in ein romantisches drama sehr gut... öfter neben Ricci. Glaubwürdig gespielt. Turturro auch wieder stark.


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