In the Mood for Love Frankreich, Hongkong 2000 – 97min.

Filmkritik

Hochgeschlossen

Filmkritik: Gerhard Schaufelberger

Nach dem bildgewaltigen, effekt- und schnitttechnisch an der schrill-hektischen Videoclip-Aesthetik orientierten "Fallen Angels" (1995) und dem temporeichen und dialogstarken "Happy Together" (1997) präsentiert uns Wong Kar-Wai ein äusserst gemächliches, optisch überwältigendes Kammerspiel: Eine beinah sprachlose Hommage an die Stadt Hongkong in den Sechzigerjahren, und die Geschichte von zwei Betrogenen, die sich zaghaft selbst zu einem Paar entwickeln, dem der gesellschaftliche Zwang jedoch ein unbeschwertes Sich-Annähern verbietet.

Hong Kong 1962: Der Zeitungsredaktor Chow Mo-Wan (Tony Leung, als bester Schauspieler am Filmfestival von Cannes 2000 ausgezeichnet), zieht in ein Apartmenthaus in einem Quartier, wo vor allem Immigranten aus Shanghai leben. Dort lernt er die Sekretärin Su Li-zhen (Maggie Cheung) kennen. Auch deren Ehepartner ist, ähnlich wie Herr Chows Gattin, oft geschäftlich unterwegs. Ihre Vermieter sind miteinander befreundet und treffen sich regelmässig zum Essen oder zum Mah-Jongg-Spiel, zu dem sie auch Herrn Chow und Frau Su einladen. Die beiden ordnen sich aber sehr zurückhaltend in die Gemeinschaft ein, droht doch in einem Haus, wo viele Leute auf engem Raum zusammenleben, jede Kleinigkeit zum Gerücht heranzuwachsen. Die Kontrolle der Vermieter über ihre Mieter ist subtil aber allgegenwärtig. Herr Chow und Frau Su begegnen sich fast täglich, immer wieder an derselben Stelle im Korridor, auf der Treppe, vor dem Eingang, in der Küche. Behutsam kommen sich die beiden näher, verbringen mehr und mehr Zeit miteinander, bis sie eines Tages herausfinden, dass ihre beiden Partner ein Liebespaar sind.

Wongs Ziel sei es gewesen, die Stimmung im Hongkong der Sixties heraufzubeschwören, nicht bloss eine Liebesgeschichte zu erzählen, was zu langweilig wäre. Was als Produkt dieser Beschwörung vorliegt, ist ein zwar meisterhaft ausgestatteter und fotografierter, jedoch extrem langatmiger und wortkarger Film. Was den Figuren in früheren Filmen Wong Kar-wais (sogar dem Stummen in "Fallen Angels"!) Tiefe verleihen konnte und sie, wenn auch nicht begreifbar, so doch spürbar machte, war nicht zuletzt das durch ihre Off-Stimme stets präsente, wenn auch banale Selbstgespräch. "In the Mood for Love" verschweigt uns das Innenleben seiner Charaktere weitgehend. Das Einzige, was davon auf Anhieb verständlich wird, ist ihr krampfhafter Versuch, es zu kaschieren.

Als Kontrapunkt dazu enthält einem die räumliche Gestaltung des Films zu Gunsten von beinah pedantisch hergerichteten Innenraumdekors gerade das vor, was die reale Welt erst zur Welt macht: Tageslicht, Strassen, Menschenmasse, Kinder, Lärm, Tiere, - Himmel! Kaum etwas davon, nur immer dasselbe öde Treppenhaus, dieselbe schäbige Gasse bei Nacht und Regen, die Enge derselben zwar bunten aber dennoch deprimierenden Wohn- und Arbeitsräume.

Wer den Rätseln, die "In the Mood for Love" stellt, auf die Spur kommen will, muss aus den allerfeinsten mimischen Details die verhüllten und verschlüsselten Gefühle und Stimmungen seiner Protagonisten erahnen, und diese vor dem Hintergrund der - ebenfalls nur in schwachen Andeutungen erkenntlichen - Historie interpretieren können. Dieser Anspruch wird manche Zuschauer, ausser die wenigen, die des Kantonesischen mächtig sind und die Geschichte Hongkongs studiert haben, überfordern. Sie werden den Film wahrscheinlich todlangweilig finden, - oder von seiner Subtilität und der Schönheit seiner Bilder so begeistert sein, dass sie ihn gleich mehrmals anschauen wollen.

14.12.2012

3

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Kommentare

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dulik

vor einem Jahr

Ein sehr stilvoller Film über eine Liebesgeschichte in Hong Kong in den 1960-er Jahren. Die einfache aber glaubhafte Kulisse, sowie die stimmige Musik, lassen einem in eine andere Welt eintauchen. Trotz gerade Mal 97 Minuten Dauer hat die Handlung aber viele Längen.
7/10


descartesdanse

vor 5 Jahren

So schön, dass es einem immer wieder einen Ruck gibt.
Man könnte den Film als bewegtes Gemälde an die Wand beamern.
Schön, sehnsuchtsvoll... und in JEDER Hinsicht die Definition von stilvoll.
Ein Klassiker


luno76

vor 7 Jahren

ein schöner film, bedrückende stimmung zum teil. schöne bilder, noch schönere musik.


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